Corine (Cécile de France)reist in der Mongolei, um O-Töne für eine Radiosendung aufzunehmen. Bei einem archaischen Ritual gerät sie in Trance.
Das Esoterik-Drama "Eine größere Welt" folgt den Spuren des autobiografischen Buches "Mein Leben mit den Schamanen" von Corine Sombrun. Cécile de France verkörpert eine französische Tontechnikerin, die in der Mongolei mit fremdem Zauber in Berührung kommt.

Eine größere Welt

KINOSTART: 09.07.2020 • Drama • F/B (2019) • 100 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Un monde plus grand
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
F/B
Laufzeit
100 Minuten

Filmkritik

Die wie der Wolf heult
Von Andreas Günther

Mit Trommelwirbel in Trance: In der Mongolei spürt eine verwitwete Französin leibhaftig ihre schamanistische Berufung. Das Esoterik-Drama "Eine größere Welt" nach wahren Begebenheiten sucht spirituelle Wege aus dem seelischen Schmerz.

"Eine größere Welt" besitzt zwei große visuelle Anziehungsspole. Die seien dem esoterischen Drama auf alle Fälle zugestanden, unabhängig von jeder Beurteilung. Der eine wurzelt in der Schauspielleistung von Hauptdarstellerin Cécile de France. In der Rolle der französischen Tontechnikerin Corine fängt sie mit einem winzigen Zittern an und steigert sich zum Trommelwirbel in einer mongolischen Jurte in ekstatische Raserei. Sie ist dabei so mitreißend wie befremdlich, dass das Publikum gleich viel Angst um sie wie um sich selbst hat.

Der andere Magnet ist tricktechnischer Art. Sehnt sich Corine nach dem Wiedersehen mit ihrem verstorbenen Mann, erscheint auf einem hellen Rechteck und schwarz umrahmt eine dunkle, unförmige Gestalt. Dazu erklingen schrille Streicher. Jeder Bogenstrich schneidet ins Herz. So gibt es eigentlich kein Entrinnen vor der Geschichte einer schamanischen Berufung, mit der eine Frau versucht, dem geliebten Verstorbenen nahezukommen. Doch die Verfilmung der Erlebnisse von Corine Sembrun, unter dem Titel "Mein Leben mit den Schamanen" als Buch erschienen, mogelt sich zwischen ihren Anziehungspunkten mit konventionellem Authentizitätskitsch und recht selbstherrlich hindurch.

Schamanin wider Willen

Corine kommt über den Tod ihres Mannes, eines Musikers, nicht hinweg. Ihre Wohnung ist mit seiner gespenstischen Gegenwart aufgeladen. Bei ihrem Job im Tonstudio verpatzt sie manche Aufnahme. Ihr Chef, ein guter Freund, sorgt sich um sie. Damit sie auf andere Gedanken kommt, gibt er ihr einen Auftrag in der Mongolei. Für eine Radiosendung soll sie O-Töne aufnehmen. Bei einem Fruchtbarkeitsritual in der Steppe passiert es dann: Sie gerät in wilde Trance. Zugleich hat sie jene verschwommene, aber umso insistierendere Vision ihres Mannes. Sie bricht in Wolfsgeheul aus.

"Der Geist des Wolfes ist in dich gefahren", sagt die alte Schamanin zu ihr. Sie hält Corine für berufen und fordert sie auf, bei ihr eine dreijährige Initiation zur Schamanin zu durchlaufen. Aber davon will Corine nichts wissen und kehrt nach Paris zurück. Ihre Schwester Louise (Ludivine Sagnier) und ihre Freunde glauben ihr nicht, was sie erzählt. Doch sobald sie die Aufnahme von der Séance anhört, die sie gemacht hat, gleitet Corine erneut in den Trancezustand. Bevor sie als Fall für die Psychiatrie gilt, tritt sie lieber die Initiation an – hoffend, ihren Mann im Ritus wiedertreffen zu können.

Die französische Filmemacherin Fabienne Berthaud ist hierzulande nicht allzu bekannt. Doch mit "Barfuß auf Nacktschnecken" hat sie vor einigen Jahren auch dem deutschen Publikum ihr Interesse für Frauen gezeigt, die Grenzen überschreiten, sich von Zwängen befreien und ins Unbekannte aufbrechen. Insofern ist sie als Regisseurin für "Eine größere Welt" eine exzellente Wahl. Aus dem Eintauchen ihrer Heldin in fremden Zauber macht sie eine Suche nach spiritueller Erlösung der Seele, damit, in diesem Fall, Corine überhaupt erst zu trauern vermag.

Trotzdem hätte es dem Film gutgetan, bescheidener und ehrlicher zu sein. Trotz zivilisationskritischer Einsprengsel gerät er zu einer allzu idyllischen, erlebnistouristischen Darstellung mongolischen Hirtenlebens. Eine Auseinandersetzung mit Corines egozentrischer Motivlage fehlt. Ist eine Schamanin nicht für die Gemeinschaft da, die sie dazu gemacht hat? Corine jedoch nutzt die erworbenen Kompetenzen zur Selbsttherapie – und avanciert auch noch zur Muse der Neurowissenschaften. So wiederholt sich der übliche Raub an archaischen Kulturen.

Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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