Salvador Mallo (Antonio Banderas) leidet unter Kopf- und Rückenschmerzen, die seine Kreativität bremsen.
Antonio Banderas brilliert als alternder Regisseur und fiktives Alter Ego Almodóvars in "Leid und Herrlichkeit".

Leid und Herrlichkeit

KINOSTART: 25.07.2019 • Drama • E (2019) • 114 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Dolor y Gloria
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
E
Laufzeit
114 Minuten

Filmkritik

Die Leiden des alternden Regisseurs
Von Diemuth Schmidt

Pedro Almodóvar inszenierte mit "Leid und Herrlichkeit" eine autobiografisch inspirierte und selbstironische Geschichte. Vor allem Antonio Banderas als alternder Regisseur ist ein Ereignis.

Ein Film von Almodóvar – so heißt es im Vorspann von "Leid und Herrlichkeit". Kein Pedro steht dabei, nur Almodóvar. Der Regisseur inszeniert sich als eigene Marke mit eigenem Versprechen. Das passt perfekt zu diesem von seinem eigenen Leben und Werk inspirierten Film. Mit Antonio Banderas und Penélope Cruz besetzt der Spanier Mitglieder aus seiner Filmfamilie in den Hauptrollen, eine Auswahl, die alles andere als überrascht. Irgendwie beschleicht einen ein Déjà-vu-Effekt, und doch fühlt sich dieser gelungene "Almodóvar" anders an.

Das Alter Ego des Regisseurs heißt hier Salvador Mallo (gespielt von Antonio Banderas). Er ist ein Mann, der seinen berühmtesten Film vor 30 Jahren inszenierte und sich nun in einer Phase des kreativen Stillstands befindet. Salvador hat sich in seine große Wohnung mit zahlreichen Kunstwerken, die ihm Gesellschaft leisten, zurückgezogen, und wirkt in der musealen Umgebung selbst wie ein berühmtes Ausstellungsstück. Von Schmerzmitteln in einen Dämmerzustand versetzt, verbringt er hier lange Stunden. Chronische Rückenschmerzen nehmen ihm seine Bewegungsfreiheit, das Hirn wird von Kopfschmerzen gequält; wieder zu arbeiten, erscheint ihm unmöglich – Almodóvar selbst leidet seit Langem unter Migräne und schweren Rückenschmerzen,

Bald dringt die Vergangenheit in die Gegenwart ein. In der Cinemathek wird eine Jubiläumsvorstellung von Salvadors erfolgreichsten Werks "Sabor" stattfinden, und er selbst soll den Film mit seinem damaligen Hauptdarsteller, dem abgetakelten Schauspieler Alberto (Asier Etxeandia), präsentieren. Doch eben dieser sorgte mit seinem Heroinkonsum damals dafür, dass die Dreharbeiten zum persönlichen Desaster für Salvador wurden.

Der Regisseur beschließt, sich in ein Taxi zu quälen und Alberto aufzusuchen. Ausgerechnet im gemeinsamen Heroinkonsum finden die beiden Streithähne wieder zueinander. Alberto kann ihm sogar das Aufführungsrecht eines sehr persönlichen und noch unveröffentlichten Monodramas über Sucht abschwatzen. Darin legt der damals Kokain nehmende Salvador eine Lebensbeichte ab und erinnert sich an eine tragische Liebe in den 80ern. Die Aufführung des Stücks in einem Off-Theater – ein überwältigend intensiv gespielter langer Monolog von Asier Etxeandia als Alberto – bringt Salvador in Kontakt mit seinem einstigen Lover Federico (Leonardo Sbaraglia), der zufällig im Theater sitzt. Endlich scheint wieder Bewegung in sein Leben zu kommen.

Die Angst vor dem Erstarren angesichts der Leistungen in der Vergangenheit lähmt den Regisseur Salvador im Film. Der fast 70-jährige Pedro Almodóvar dagegen scheint mit seiner Produktivität genau das Gegenteil zu leben. Dabei schafft er es immer wieder, aus der Vergangenheit zu schöpfen, ohne sich selbst zu wiederholen.

"Leid und Herrlichkeit" lässt Salvador im Drogenrausch von seiner Kindheit träumen. Er erinnert sich, wie er in ein fremdes Dorf ziehen und in einer Höhle leben musste, was im Film zu magisch verwunschenen Bildern führt. Denn seiner Mutter (Penélope Cruz) gelang es auch hier, immer das Beste aus der Situation zu machen. Dabei half ihr ein junger attraktiver Maurer, dem Salvador im Gegenzug das Lesen und Schreiben beibrachte.

Salvador selbst musste allerdings ins Priesterseminar, weil er nur dort die Möglichkeit hatte, weiter zu lernen. Die liebevolle, aber strenge und gleichzeitig selbst beim Wäschewaschen wunderschöne Mutter überstrahlt alles, macht das Leben in der Armut der 50er-Jahre zu einem glücklichen. Stilisiert und selbstironisch erzählt Almodóvar davon.

Für die stärkste Mutter-Sohn Szene jedoch sorgt Antonio Banderas, der als Salvador seine alte Mutter zu sich in die Madrider Wohnung holt. Wie sich die Liebe für sie in Banderas' plötzlich verändertem Blick zeigt, ist bewegend schön. Den "Latin Lover" hat er weit hinter sich gelassen und nähert sich mit großer Sensibilität einer Figur voller körperlicher Schmerzen und Selbstzweifel – in Cannes gab es dafür den Darstellerpreis. Dabei ist nichts zu viel, genau wie in der Inszenierung Almodóvars, der seiner starken Bildsprache und den intensiven Farben seiner vorherigen Filme treu bleibt. Das große Melodram jedoch bleibt aus – und macht Platz für eine fein gezeichnete Hauptfigur und ihre Gefühle.

Mit "Leid und Herrlichkeit" lädt Almodóvar seine Zuschauer zu einem innigen Kinoerlebnis ein, das Humor zulässt, sich aber nicht lustig macht, das die großen Gefühle richtig dosiert sowie Fiktion und Wahrheit in einen kreativen Schwebezustand bringt. Ein Werk auf jeden Fall, das die Filmografie des Spaniers schmückt.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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