Lance Corporal Schofield (George MacKay) ist in den Schützengräben feindlichem Beschuss ausgeliefert.
Der Krieg in einer Einstellung: "1917" sieht aus, als wäre der Film ohne Schnitt gedreht - und das macht die Geschichte zweier Soldaten, die sich allein hinter die feindliche Linie kämpfen müssen, ungemein spannend und grauenvoll.

1917

KINOSTART: 16.01.2020 • Drama • GB/ USA (2019) • 119 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
1917
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
GB/ USA
Laufzeit
119 Minuten
Regie

Filmkritik

Dem Grauen ausgeliefert
Von Andreas Fischer

Der Erste Weltkrieg ohne Ruhepause: "1917" von Sam Mendes ist ein eindrücklicher Höllentrip durch Schützengräben und über Leichenberge, der aber nicht nur durch seine visuelle Brillianz besticht.

Eine halbe Minute ist alles, was Sam Mendes seinen Protagonisten und dem Publikum an Ruhe gönnt. Diese 30 Sekunden stehen ganz am Anfang von "1917". Dann wird Schofield von seinem Kumpel Blake aus den Träumen am Feldrand gerissen: Die beiden jungen britischen Soldaten sind ab sofort auf Mission und sollen ein entferntes Bataillon vor einer Falle der Deutschen warnen. 1.600 Leben stehen auf dem Spiel, darunter das von Blakes Bruder.

Dramaturgisch ist der Film vom Sterben und Überleben im Ersten Weltkrieg ganz klassisch als eigentlich unmöglich zu gewinnender Wettlauf gegen die Zeit angelegt. Mendes ("American Beauty", "James Bond - Skyfall") und sein Kameramann Roger Deakins aber machen daraus ein ebenso weitschweifiges wie beengendes Panorama vom Krieg. In einer großen Kamerabewegung zusammengefasst wirkt der Film so, als wäre er ohne Unterbrechung gedreht: Als Zuschauer wird man in "1917" hineingezogen und muss den Krieg mit eigenen Augen und Ohren miterleben.

Raus aus den Schützengräben, rein in die Sprengfallen; in zerschossenen Bauernhöfen lauert der Tod, in Trümmerstädten ein feindlicher Scharfschütze: Um die Botschaft ihres Generals zu überbringen, müssen Blake (Dean-Charles Chapman) und Schofield (George MacKay) im Niemands- und Feindesland überleben und sich gegen gegnerische Resttruppen behaupten. Die Kamera ist den Protagonisten dabei ständig auf den Fersen, lässt sie nicht aus den Augen.

Anders als der deutsche Film "Victoria" (2015) wurde "1917" nicht in einer einzigen Einstellung und in Echtzeit gedreht. Die Szenen wurden vielmehr aufwendig choreografiert und die Bewegungen von Schauspielern und Kamera synchronisiert. Eine extrem sorgfältige Montage lässt fast jeden sichtbaren Schnitt verschwinden. Es gibt nur einen – dramaturgisch bedingten – sichtbaren Cut, alles andere wirkt wie aus einem Guss. Maßgeblich verantwortlich für diese technische Meisterleistung ist der legendäre Kameramann Roger Deakins ("Die Verurteilten", "No Country for Old Men", "Fargo"). Deakins lässt das Publikum in fantastisch komponierten Bildern mitten in die Geschichte fallen und zwingt es, dort zu bleiben: Man ist den Gräueln des Ersten Weltkrieges quasi ausgeliefert.

Natürlich stehen die beiden fantastischen Hauptdarsteller im Mittelpunkt, leisten Regisseur, Drehbuchautoren (Sam Mendes, Krysty Wilson-Cairns) und das gesamte Produktionsteam unglaubliche Arbeit. Aber es ist Deakins, der "1917" zu einem Ereignis und den Krieg erlebbar macht. Dreck, Hunger und Tod sind nicht nur den Soldaten ständige Begleiter. Die Zuschauenden müssen sich genauso in Schützengräben kauern und durch Berge von Leichen und Kadavern waten.

Doch auch wenn "1917" vor allem visuell beeindruckend ist, verliert Regisseur Sam Mendes die Geschichte nicht aus den Augen. Bei aller technischer Brillanz und dem virtuosen Spannungsaufbau: Im Zentrum stehen zwei junge Männer, stellvertretend für Millionen, die sich ein wenig Menschlichkeit bewahren, in Zeiten, in denen diese Menschlichkeit in den Schützengräben verwest.

Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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