Holda (Alice Krige) lockt die beiden Geschwister in ihr unheimliches Hexenhaus.
"Gretel & Hänsel" versucht, den altbekannten Märchenstoff neu zu interpretieren.

Gretel & Hänsel

KINOSTART: 09.07.2020 • Horror • USA (2020) • 87 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Gretel and Hansel
Produktionsdatum
2020
Produktionsland
USA
Laufzeit
87 Minuten
Regie
Lampros Kordolaimis

Filmkritik

Gretels Erwachen
von Christopher Diekhaus

Klassiker mit neuem Dreh: Osgood Perkins zieht seine Grimm-Adaption als düstere Coming-of-Age-Geschichte einer jungen Frau auf, die besondere Kräfte in ihrem Inneren entdeckt. Den spannenden Ansatz baut "Gretel & Hänsel" allerdings nicht überzeugend genug aus.

Klassische Märchenstoffe bieten sich für filmische Neuinterpretationen in besonderem Maße an. Immerhin können die Macher davon ausgehen, dass viele Menschen die Vorlagen kennen. Aufmerksamkeit lässt sich so deutlich leichter generieren. Osgood Perkins' Auffrischung der berühmten Grimm-Erzählung "Hänsel und Gretel" weckt schon deshalb Neugier, weil sein Film mit einem verdrehten Titel daherkommt. Dass in "Gretel & Hänsel" das Mädchen am Anfang steht, ist freilich keine Willkür, sondern deutet bereits an, was im Mittelpunkt des Schauerdramas steht: die weibliche Perspektive.

Bevor die aus dem Märchen vertraute Geschichte der im Wald umherirrenden Geschwister beginnt, wird der Zuschauer Zeuge eines unheimlichen Prologs, dessen Bezug zur Haupthandlung zunächst unklar bleibt. Die Rede ist hier von einem Pakt mit dunklen Mächten und einem Kind mit außergewöhnlichen Fähigkeiten, das seine Umgebung terrorisiert. Das bedrohliche Gefühl des Einstiegs konserviert der US-Amerikaner Perkins ("Die Tochter des Teufels"), dessen Vater Anthony einst den Motel-Besitzer Norman Bates im Hitchcock-Klassiker "Psycho" spielte, auch beim ersten Auftauchen der Protagonisten.

Die jugendliche Gretel ("Es"-Star Sophia Lillis) und ihr kleiner Bruder Hänsel (Samuel Leakey) leben in einer finster-archaischen Welt, in der es kein Mitgefühl zu geben scheint. Auf der Suche nach einer Anstellung sieht sich Gretel sexuellen Anzüglichkeiten ausgesetzt. Und nur wenig später werden die beiden Geschwister von ihrer verwitweten Mutter (Fiona O'Shaughnessy) einfach vor die Tür gesetzt. In der Hoffnung, irgendwo Essen und Arbeit zu finden, durchstreifen sie den dichten Wald und stoßen dort auf ein einsam gelegenes Haus, das von der alten Holda (Alice Krige) bewohnt wird. Die hungrigen Geschwister kehren schließlich bei ihr ein und dürfen sich über eine reichhaltig gedeckte Tafel hermachen. Seltsame Visionen, die Gretel nach der Ankunft immer häufiger verfolgen, lassen die junge Frau jedoch schnell an den Absichten ihrer wenig vertrauenerweckenden Gastgeberin zweifeln.

Düstere Coming-of-Age-Geschichte

Regisseur Perkins und Drehbuchautor Rob Hayes führen Gretel als eine Figur ein, die an der Schwelle zum Erwachsenwerden steht und offenbar übernatürliche Gaben besitzt. Durch die Begegnung mit der Hexe Holda erkennt die Teenagerin langsam, welche Kräfte in ihrem Inneren schlummern, und sieht ihre Beziehung zu Hänsel plötzlich mit anderen Augen. Der Märchenstoff verwandelt sich auf diese Weise in eine düstere Coming-of-Age-Geschichte, die ihr Potenzial allerdings nur selten ausschöpft.

So interessant die Neuausrichtung auch sein mag – psychologische Tiefe erreicht der Film zu keinem Zeitpunkt. Hänsel verharrt in einer blassen, weinerlichen Sidekick-Rolle. Und auch Gretel, um deren Bewusstwerdung sich alles drehen soll, bleibt zu farblos, um das Publikum wirklich für sich einzunehmen. Ihr Entwicklungsprozess fällt seltsam holprig aus und entfaltet am Ende kaum emotionale Wucht.

Wie in seinen vorangegangenen Werken stellt Osgood Perkins jedoch auch dieses Mal sein Gespür für stimmungsvolle Bilder unter Beweis. "Gretel & Hänsel" hat einen eigenwilligen, verwunschen-schummrigen Look, kippt dank einer irritierenden Ausleuchtung stark ins Surreale und erzeugt über die bedrohliche Tonspur ein konstantes Gefühl des Unbehagens. Dass der Regisseur gelegentlich – etwa in Gretels Albträumen – aufdringliche Schockeffekte bemüht, die man aus dem Mainstream-Horrorkino kennt, ist allerdings schade und schmälert zuweilen den Gruselfaktor.

Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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