Auf dem Dach des Mietshauses, in dem er wohnt, übt Arnold (Renély Alfred) das Geigenspielen und verrät dabei enormes Talent.
"La Mélodie" möchte durchaus anders sein als andere französische Schulfilme über benachteiligte Kinder, stimmt aber sehr bald ebenfalls die unsägliche Elite-Leier an.

La Mélodie - Der Klang von Paris

KINOSTART: 21.12.2017 • Drama • F (2016) • 102 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
La Mélodie
Produktionsdatum
2016
Produktionsland
F
Laufzeit
102 Minuten

Filmkritik

Einfach zu ehrgeizig
von Andreas Günther

Ein arbeitsloser Musiker drillt sozial benachteiligte Banlieue-Knirpse an der Geige – für einen Auftritt in der Pariser Philharmonie. Eine Nummer kleiner wäre sympathischer gewesen.

Wenn französische Filmemacher in die Schulen ihres Landes gehen, wollen sie gern beweisen, dass es auch besser geht. Oft genug präsentieren sie dann aber nur alten Wein in neuen Schläuchen. In "La Mélodie" sieht es für einige Augenblicke so aus, als ob es anders zugehen würde. Aushilfs-Musiklehrer Simon Daoud (Kad Merad) baut vor dem Unterricht die Notenständer seiner Schüler in ein kommunikatives Rund um. Hält jetzt etwa die bei den gallischen Kollegen mit Stirnrunzeln aufgenommene Pädagogen-Tugend Einzug, mit den Kindern einen Kreis zu bilden? Irgendwie schon, aber das nützt nichts. Allen Lippenbekenntnissen des Films zum Trotz zeigen die Bilder, dass doch nur wieder das Elite-Werden auf dem französischen Lehrplan steht. Warum darf Musik nicht ganz ohne Leistungsdruck einfach die schönste Form der Verständigung sein?

Keineswegs zum Spaß bringt Geiger Daoud einer frechen sechsten Klasse die Handhabung seines Instruments bei. Momentan hat er schlicht kein Engagement, er muss warten, bis in einem Ensemble vielleicht ein Platz für ihn frei wird. Finanziell kommt dem einsamen Mann das Unterrichtsangebot also gelegen. Aber Frühpubertierende zu bändigen, die Obszönitäten grölen und ihre Geige als Prügelstab und den Bogen als Degen zweckentfremden, liegt ihm definitiv nicht. Am liebsten möchte er nur Arnold (Renély Alfred) unterweisen, einen fettleibigen Jungen afrikanischer Herkunft mit großem Talent.

Nur mit Mühe kann ihn Klassenlehrer Farid (Samir Guesmi) zum Bleiben überreden. Ziel ist es, die Kinder so weit zu bringen, dass sie an einem Konzert in der Pariser Philharmonie teilnehmen können. Doch sie üben zu wenig, die Probe mit den ehrgeizigen anderen Kindern verpatzen sie. Derweil bekommt Daoud die Chance, auf Tournee zu gehen. Da ergreift Arnold die Initiative und führt seine Kameraden auf das Dach des Hochhauses, in dem er wohnt, um mit ihnen zusammen zu spielen.

Typischer französischer Prestigekampf

"La Mélodie" bietet sich als Sozialrührstück an, mit kleinen Strolchen, die gegen jede Wahrscheinlichkeit das Unmögliche zu schaffen bestrebt sind, um es den Establishment-Sprösslingen mal so richtig zu zeigen. So offenbart der Film nichts Neues, sondern schwelgt im typisch französischen Prestigekampf um einen Platz in den Eliterängen – und sei es eben im Pantheon der Musikstars.

Perplex verfolgt unsereins, wie viel die Lehrer über und wie wenig sie mit den Schülern sprechen – und was sie sagen. "Halt' dich nur an die Besten, sonst stürzen alle ins Unglück", formuliert Daoud einmal einen brutalen Auslese-Ansatz. Kollege Farid ist entsetzt. Dabei redet er selbst mit seinen Schülern kaum anders als im Kasernenhofton. Regisseur Rachid Hamid signalisiert keinerlei Distanz zu solchen Umgangsformen.

Das Philharmonie-Vorhaben erscheint derweil als ebenso realtitätsferne wie eitle Angelegenheit. Wie das gemeinsame Spielen die Kinder einander näherbringt, was Musik mit einer Persönlichkeit macht, dürfte dagegen gern viel, viel breiteren Raum einnehmen. Stattdessen darf Arnold beim heimlichen Proben kommandieren wie Daoud. Vielleicht gibt es ja irgendwann einen französischen Schulfilm, in dem Ehrgeiz, Strebsamkeit und Gehorsam nicht alles sind, was fürs Leben zu lernen sich lohnt.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

Darsteller

Was für eine Überraschung - mit "Willkommen bei den Sch'tis" wurde Kad Merad auch über Frankreichs Grenzen bekannt.
Kad Merad

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