Monsieur André Prioux (Christian Clavier) hat im Supermarkt eine Begegnung zwischen unheimlich und verstörend. Ein ungefähr 40-Jähriger versucht eine Packung Schokoflocken in Andrés Einkaufwagen unterzubringen und stammelt dabei vor sich hin: "Momo". André reagiert erst erstaunt, dann erschrocken und verärgert, versucht sich mit dem Fremden zu verständigen, kann ihn aber nicht verstehen. Der Unbekannte lässt sich nicht abwimmeln, André will die Flucht ergreifen – es ist jedoch der andere, der verschwindet. Seine Frau Florence (Catherine Frot) findet ihn völlig aufgelöst. Es ist unmöglich, bei dieser Szene der Komödie nicht an andere Filme und Rollen von Christian Clavier zu denken, vor allem an "Monsieur Claude und seine Töchter". Die Schwierigkeit seiner Figuren im Umgang mit so ganz anderen Menschen ist hier grotesk auf die Spitze getrieben. "Nicht ohne Eltern" bietet noch weit mehr, geht aber ärgerlicherweise im Klamauk unter.

Die Sache im Supermarkt hat ein heftiges Nachspiel für das kinderlose Ehepaar Prioux in reifen Jahren, gut situierte Möbelhausbesitzer in der Provinz. Als sie nach Hause kommen, stellen sie verdutzt und verängstigt fest, dass jemand die Einkäufe, die sie im Einkaufswagen vergessen hatten, auf dem Küchentisch abgestellt hat. Immerhin wurde nichts gestohlen, Andrés Modelleisenbahn nicht angetastet.

Am nächsten Morgen benutzt jemand ihre Dusche. Es ist der Fremde aus dem Supermarkt. Er heißt Patrick (Sébastien Thiery) und behauptet steif und fest, ihr Sohn zu sein. André kann nicht glauben, was er hört. Er hält Patrick für einen Schwindler, der an ihr Geld will. In seiner Frau Florence hingegen weckt Patrick Muttergefühle – und Misstrauen gegenüber ihrem Mann. Eine Ehekrise bahnt sich an, die das Auftauchen von Patricks Frau Sarah (Pascale Arbillot) noch verschärft.

Sébastien Thiery verkörpert nicht nur Patrick. Er hat auch sein eigenes Theaterstück, das angeblich auf einem wahren Fall basiert und in Frankreich ein enormer Erfolg war, als Drehbuch adaptiert und zudem mit Vincent Lobelle Regie geführt. Ohne im Mindesten unfilmisch zu sein, liefert "Nicht ohne Eltern" ein brillantes Kammerspiel über eine Beziehung, die in ihren Grundfesten infrage gestellt ist. Schon eine kurze Begegnung mit Patrick genügt, um das Talent der großartigen Darsteller zu entfesseln, die in diese Situation eintauchen.

Catherine Frot und Christian Clavier versetzen sich beinahe beängstigend realitätsgetreu in die Lage jener Paare, die zwar alles haben, aber nebeneinanderher leben und einen heimlichen Mangel empfinden, für den der angebliche Sohn das Symbol ist. In Schüben, dann immer konkreter, lässt Catherine Frot in Laurence den Untreue-Verdacht an die Oberfläche treten, lässt sie argwöhnisch die Unterredung ihres Mannes mit einer hübschen Kellnerin verfolgen und drängt zur Suche nach ehemaligen Geliebten, die ein Kind von ihm gehabt haben könnten. Clavier gibt einen Ehemann, der langsam an seinen Treue-Beteuerungen verzweifelt und zunehmend aggressiv gegenüber Patrick auftritt. Ganz nebenbei vervollkommnet er den Typus des wohlhabenden Bonvivant, der sich in einer Welt der Veränderungen weder zurechtfindet noch kommunizieren kann und darüber wütend wird.

So ist "Nicht ohne Eltern" ein toller Film – ungefähr 50 Minuten lang. Dann tritt die völlig überzeichnete Sarah auf, blind, schielend. Der Absturz in die billige Burleske folgt. Die vorangegangenen Glanzstücke sind jedoch nicht ganz vergessen.

Quelle: teleschau – der Mediendienst