"Die Filmindustrie ist zu doof und muss erst bankrott gehen", verzweifelte Bertolt Brecht (Lars Eidinger) bei der Vorbereitung der Verfilmung seiner "Dreigroschenoper".
"'Die Dreigroschenoper' ist ein Versuch, der völligen Verblödung der Oper entgegenzuwirken", sagte Bertolt Brecht einst über seinen Welterfolg. Im formidablen "Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm" bekommt der Haifisch seine Zähne zurück.

Mackie Messer - Brechts Dreigroschenfilm

KINOSTART: 13.09.2018 • Drama • D (2018) • 130 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Dreigroschenfilm
Produktionsdatum
2018
Produktionsland
D
Filmstudio
Zeitsprung Pictures, Velvet Films, ARD
Laufzeit
130 Minuten
Regie
Joachim A. Lang
Music
Kurt Schwertsik, Walter Mair
Kamera
David Slama

Filmkritik

Bertold Brecht durfte diesen Film nicht drehen
von Andreas Fischer

Der Haifisch hat mehr als nur Zähne: "Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm" ist die genial erzählte Geschichte eines Films, den Bertolt Brecht nicht drehen durfte.

Ein Film über einen Film, der nie gemacht wurde: "Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm" ist eine Geschichte des Scheiterns. Weil die 1928 uraufgeführte "Dreigroschenoper" von Bertolt Brecht ein sensationeller Erfolg wurde, sollte sie zwei Jahre später für das Kino adaptiert werden. Brecht jedoch hatte kein Interesse daran, das Bühnenstück einfach nur abzufilmen. Er wollte auf der Leinwand deutlicher werden, radikaler, politischer und kunstvoller. Aber das Kino war damals schon, was es heute immer noch sehr oft ist: mutlos und gewinnorientiert. Das freilich lässt sich von Joachim A. Langs ehrgeizigem Film nicht sagen: "Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm", Eröffnungsfilm des diesjährigen Münchner Filmfests, ist eine intellektuelle Herausforderung und ein pures Vergnügen für Auge und Geist.

"Wer die Handlung nicht gleich begreift, braucht sich nicht den Kopf zu zerbrechen. Sie ist unverständlich", richtet der von Lars Eidinger gespielte Bertolt Brecht gleich zu Beginn des Films das Wort an das Publikum. Und ja: Einfach macht es der Film den Zuschauern nicht. Aber das wollte Brecht selbst auch nie.

Er hatte die Rechte an der "Dreigroschenoper" an den Produzenten Seymour Nebenzahl (Godehard Giese) verkauft, sich selbst aber die Autorenrechte gesichert. Dass die Erwartungen der Filmindustrie und Brechts radikales Verständnis von Kunst nicht zusammenpassen würden, muss beiden klar gewesen sein.

Das Scheitern der Produktion steht dennoch nicht im Mittelpunkt von Joachim A. Langs Film, der sich zuvorderst mit den Aufgaben auseinandersetzt, die Kunst in der Gesellschaft erfüllen sollte. Das ist sehr kurzweilig, weil sich Lang ein Vergnügen aus Brechts Verfremdungseffekt macht und zwischen Realität und Fiktion, zwischen Inszenierung und Wirklichkeit hin- und herspringt.

Brecht inszeniert im Film seine Vision des Films: brutal, dreckig, sexuell aufgeladen – und in Zeiten des aufkeimenden Nationalsozialismus hochpolitisch. Das ist so zeitlos, dass der Film mühelos den Bogen vom Damals zum Jetzt spannt: Turbokapitalismus, Heerscharen von Armen und faschistische Tendenzen. Es gab damals nichts, was nicht heute wieder modern ist.

Ständig ergeben sich neue Perspektiven in dieser verschachtelten, komplexen Konstruktion, die sich nicht um Sehgewohnheiten schert und sich aller Mittel bedient, die der Film als Kunstform hergibt. Die Darstellenden – Tobias Moretti, Joachim Król, Hannah Herzsprung, Claudia Michelsen, Robert Stadlober – spielen nicht nur ihre "Dreigroschen"-Rollen, sondern mitunter auch die damaligen Schauspieler, die über ihre Rollen diskutieren. Produzent Nebenzahl wird durch die Proben geführt, Brecht erörtert in seiner Wohnung mit Lebens- und Weggefährten aktuelle politische Ereignisse.

Sehen können die Menschen, nicht glotzen, würde sich Brecht vermutlich freuen. An dieser Stelle sei der beruhigende Hinweis erlaubt: Ein Singspiel ist der Film auch: "Mackie Messer" Macheath und Bettlerkönig Peachum, Polly und Seeräuber-Jenny – sie alle singen ihre Gassenhauer.

Man kann sich gut vorstellen, dass Brecht seinen "Dreigroschenfilm" ähnlich gedreht hätte, wie es Joachim A. Lang tat, der als promovierter Brecht-Experte (Doktorarbeit "Episches Theater als Film: Bühnenstücke Bertolt Brechts in den audiovisuellen Medien") in seinem Drehbuch Originalzitate und -texte verwendete. Was Brecht im Film sagt, hat Brecht wirklich gesagt.

Das Scheitern des "Dreigroschenfilms" hat Brecht damals kalkuliert, wenn auch notgedrungen. Seine Vision des Films war für die Produktionsfirma ein Affront gegen Publikums- und eigene wirtschaftlichen Interessen – und landete irgendwann vor Gericht, in einem Prozess den Brecht dann einfach als Wirklichkeit inszenierte. Um zu zeigen, dass Geld schwerer wiegt als die Freiheit der Kunst.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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