Der hübsche Jim (Harris Dickinson) strandet im Rotlichtviertel von London.
Steve McLeans zweiter Langfilm "Postcards from London" ist ganz hübsch anzuschauen, doch wirkt er streckenweise unangenehm prätentiös.

Postcards from London

KINOSTART: 13.12.2018 • Drama • GB (2018) • 90 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Postcards from London
Produktionsdatum
2018
Produktionsland
GB
Filmstudio
Creativity Capital, Diablo Films, The Bureau, BFI
Laufzeit
90 Minuten
Regie
Steve McLean
Music
Julian Bayliss
Kamera
Annika Summerson

Filmkritik

Keine große Kunst
von Gabriele Summen

Steve McLean huldigt in seinem stylishen Coming-of-Age-Drama der homosexuellen Kulturgeschichte.

"Mit dem Sex komme ich klar, aber die Kunst macht mich fertig", sagt der Neue auf dem Edelstrich in Steve McLeans queerem Coming-of-Age-Drama "Postcards from London" zu seinen jungen Kollegen. Kein Wunder, leidet der bildschöne Junge aus der Provinz doch an dem sogenannten Stendhal-Syndrom, das ihn beim Anblick künstlerischer Meisterwerke in Ohnmacht fallen lässt. Beinahe ein Vierteljahrhundert nach McLeans ästhetisch ungewöhnlichem Spielfilm "Postcards from America", der sich an den Werken des früh an Aids verstorbenen Schriftstellers und Schwulenaktivisten David Wojnarowicz orientierte, schickt er dem Zuschauer abermals kinematografische Postkarten aus der queeren Subkultur. Dieses Mal aus dem im Neonlicht strahlenden Rotlichtviertel Soho, das als hochartifizielle, theaterhafte Kulisse auf einer Klangbühne errichtet wurde.

Den blendend aussehenden Jim (Harris Dickinson in einer leider viel zu flach angelegten Rolle) verschlägt es aus der Provinz nach London. Die in einem Rückblick gezeigte, von McLean und seiner Kamerafrau Annika Summerson radikal auf das Wesentliche reduzierte Szene, in der er seinen Eltern erklärt, dass es ihn nach London zieht, gehört zu den faszinierendsten, die der Film zu bieten hat.

Der sensible, junge Mann sucht in Soho nach einer "Welt voller Geheimnisse und Möglichkeiten". Doch schon bald wird der naive 18-Jährige ausgeraubt. Glücklicherweise nehmen sich kurz darauf die "Raconteurs", eine Gruppe von Callboys, die sich darauf spezialisiert haben, ihre Kunden nach dem Sex mit Gesprächen über Malerei, Kunst und Filme zu erfreuen, seiner an.

Der Treffpunkt der zeitlos vortrefflich gekleideten Callboys David (Jonah Hauer-King), Jesus (Alessandro Cimadamore), Marcello (Leonardo Salerni) und Victor (Raphael Desprez) – die allesamt grenzwertig theatralisch agieren – ist eine häufig von Matrosen besuchte Bar, die den Zuschauer mit dem Holzhammer auf Rainer Werner Fassbinders letzten Film "Querelle" verweist. Zu den Kunden der männlichen Edelprostituierten zählen nur reiche, schwule Freier und Künstler. Schon bald wird Jim, der sich erst einmal Wissen über Künstler wie Velázquez, Gauguin, Wilde und Pasolini aneignen muss, von einem älteren Maler zu seiner Muse auserkoren.

Auch Derek Jarmanns Biopic "Caravaggio" aus dem Jahre 1986 werden eindeutige Referenzen erwiesen, ist Jim doch ein großer Bewunderer dieses Malers, der einst Obdachlose und Prostituierte von der Straße holte und sie als Heilige in seinen Werken verewigte. Die malende Schwulenikone tritt sogar selbst auf, denn Jim halluziniert sich vor Caravaggios Bildern immer wieder in dessen Tableaux vivants hinein. Diese Nachstellungen der barocken Gemälde mit den Schauspielern haben durchaus ihren Reiz und hallen am längsten beim Zuschauer nach.

Prätentiös wirkt der Film, wenn er sich selbst zu ernst nimmt, denn besonders gehaltvoll sind die Dialoge über Kunst nun wirklich nicht. Am besten funktioniert der schräg-stylishe Film an den Stellen, an denen er sich selbst eben nicht zu ernst nimmt. Obendrein ist es sehr verwunderlich, dass ein Film mit einem ausnehmend attraktiven Hauptdarsteller, der als Callboy arbeitet, jeglicher knisternder Erotik entbehrt. Als der ehemalige Raconteur und geldgeile Auktionator Paul (Leemore Marrett Jr.) dann auch noch versucht, Jims Gabe, echte Gemälde von Fälschungen zu unterscheiden, für sein Geschäft auszunutzen, wird der Film letztlich auch ein wenig albern.

Womöglich wäre die Inszenierung auf einer Bühne oder zumindest in einem Kurzfilm besser aufgehoben gewesen, als in einem 90-minütigen Kinofilm. Was im Gedächtnis bleibt, sind tatsächlich ein paar hübsche, bunte Postkartenbilder, aber keine große Kunst.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

Weitere Darsteller
Harris Dickinson Jonah Hauer-King Leonardo Salerni Ben Cura Leo Hatton Shaun Aylward Raphael Desprez Rhys Yates Alessandro Cimadamore Kiera Bell Archie Rush

Neu im kino

Die kleine Amélie oder Der Charakter des Regens (2025)
Die kleine Amélie oder Der Charakter des Regens
Animation • 2025
prisma-Redaktion
Dolly (2026)
Dolly
Horror • 2026
prisma-Redaktion
Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit (2026)
Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit
Mystery • 2026
prisma-Redaktion
Masters of the Universe (2026)
Masters of the Universe
Action • 2026
prisma-Redaktion
Sommer auf Asphalt (2026)
Sommer auf Asphalt
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
Scary Movie (2026)
Scary Movie
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
Solo Mio (2026)
Solo Mio
Liebesfilm • 2026
prisma-Redaktion
Passenger (2026)
Passenger
Horror • 2026
prisma-Redaktion
Verflucht normal (2025)
Verflucht normal
Drama • 2025
prisma-Redaktion
Vivaldi und ich (2025)
Vivaldi und ich
Musik • 2025
prisma-Redaktion
Mother Mary (2026)
Mother Mary
Musik • 2026
prisma-Redaktion
The Mandalorian and Grogu (2026)
Star Wars: The Mandalorian and Grogu
Abenteuer • 2026
prisma-Redaktion
Ein Münchner im Himmel – Der Tod ist erst der Anfang (2026)
Ein Münchner im Himmel – Der Tod ist erst der Anfang
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
Glennkill – Ein Schafskrimi (2026)
Glennkill – Ein Schafskrimi
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
Meine Freundin Conni – Abenteuer mit Kranich Klaus (2026)
Meine Freundin Conni – Abenteuer mit Kranich Klaus
Abenteuer • 2026
prisma-Redaktion
Nürnberg (2025)
Nürnberg
Historie • 2025
prisma-Redaktion
Love Me Tender (2025)
Love Me Tender
Drama • 2025
prisma-Redaktion
Mortal Kombat II (2026)
Mortal Kombat II
Action • 2026
prisma-Redaktion
Der Teufel trägt Prada 2 (2026)
Der Teufel trägt Prada 2
Komödie • 2026
prisma-Redaktion
Der Wunderweltenbaum (2026)
Der Wunderweltenbaum
Familie • 2026
prisma-Redaktion
Rose (2026)
Rose
Drama • 2026
prisma-Redaktion
Die reichste Frau der Welt (2025)
Die reichste Frau der Welt
Komödie • 2025
prisma-Redaktion
Pferd am Stiel – Ein Hobby-Horsing-Abenteuer (2026)
Pferd am Stiel – Ein Hobby-Horsing-Abenteuer
Familie • 2026
prisma-Redaktion
Michael (2026)
Michael
Musik • 2026
prisma-Redaktion
Paris Murder Mystery (2025)
Paris Murder Mystery
Drama • 2025
prisma-Redaktion
Lee Cronin's The Mummy (2026)
Lee Cronin's The Mummy
Horror • 2026
prisma-Redaktion
Kiss of the Spider Woman (2025)
Kiss of the Spider Woman
Liebesfilm • 2025
prisma-Redaktion
Der Magier im Kreml (2026)
Der Magier im Kreml
Drama • 2026
prisma-Redaktion
Arco (2025)
Arco
Animation • 2025
prisma-Redaktion
How to Make a Killing – Todsicheres Erbe (2026)
How to Make a Killing – Todsicheres Erbe
Komödie • 2026
prisma-Redaktion