Im Spiegel entdeckt Dan (Ewan McGregor) eine beängstigende Nachricht.
"Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen" setzt die Ereignisse aus "Shining" fort.

Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen

KINOSTART: 21.11.2019 • Horror • USA (2019) • 152 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Doctor Sleep
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
USA
Filmstudio
Vertigo Entertainment, Intrepid Pictures, Warner Bros. Pictures
Budget
45.000.000 USD
Einspielergebnis
72.381.712 USD
Laufzeit
152 Minuten
Regie
Mike Flanagan
Music
Taylor Stewart, Andrew Grush
Kamera
Michael Fimognari

Filmkritik

Zurück in Zimmer 237
von Sven Hauberg

Sie wollten schon immer wissen, was aus dem kleinen Danny aus Stephen Kings "Shining" wurde? Nein? "Doctor Sleep" erzählt es Ihnen trotzdem.

Es gehört zum Wesen des Kapitalismus, eine Nachfrage nach Dingen zu schaffen, von denen wir bislang gar nicht wussten, dass wir sie benötigen. In Hollywood ist das ähnlich: Hier werden seit Jahren mit schöner Regelmäßigkeit Fragen beantwortet, die eigentlich niemand gestellt hat. Etwa, wer die Pläne zur Zerstörung des Todessterns beschafft hat ("Rogue One: A Star Wars Story"). Oder wie die Transformers auf die Erde kamen ("Bumblebee"). Der Film "Doctor Sleep" (den der deutsche Verleih unter dem umständlichen Titel "Stephen Kings Doctor Sleeps Erwachen" in die Kinos bringt) präsentiert dem Zuschauer nun die Lösung zu einer ebenfalls eher selten gestellten Frage vor: Was ist eigentlich aus Danny geworden, dem Jungen aus "Shining"?

Stephen Kings Buch (1977) und Stanley Kubricks meisterhafte Verfilmung (1980) desselben endeten offen. Jack Torrance, der im eingeschneiten Overlook Hotel erst wahnsinnig wird und dann Frau Wendy und Sohn Danny nach dem Leben trachtet, liegt tot im Schnee; Danny und Wendy machen sich geschockt davon. "Doctor Sleep" setzt unmittelbar nach diesen Ereignissen ein. Danny (Roger Dale Floyd) lebt mit seiner Mutter (Alex Essoe) in einer kleinen Wohnung, wird von düsteren Erinnerungen geplagt und lutscht Daumen. Dick Hallorann (Carl Lumbly), der einst Koch im Overlook war und am Ende von Kubricks Verfilmung starb, im Roman aber überlebte, erklärt Danny, wie er seine Dämonen bändigen kann: In seinem Geist steckt er sie in große Schachteln; doch dort bleiben sie nicht lange.

Jahre später ist Dan, den nun Ewan McGregor spielt, ein gebrochener Mann, arbeitslos, Alkoholiker, drogensüchtig. Als er in einem schnuckeligen Neuenglandörtchen aufschlägt, nimmt ihn ein Fremder unter die Fittiche, schleift ihm zu den Anonymen Alkoholikern und besorgt ihm eine Wohnung, später sogar einen Job. Dan arbeitet in einem Hospiz, wischt hier die Böden, begleitet bald aber auch die Bewohner beim Übergang in den Tod. "Doctor Sleep" nennen sie ihn hier, weil er den Todkranken beim Eintauchen in den allerletzten Schlaf helfen kann wie sonst keiner. Denn Dan besitzt noch immer die Fähigkeit des Shining, kann also telepathisch mit anderen Menschen kommunizieren.

Damit ist er nicht alleine: Auch das Mädchen Abra (Kyliegh Curran) hat das Shining. Sie nimmt Kontakt mit Dan auf, über eine Schultafel, die in dessen Zimmer hängt. "Redrum" liest Dan im Spiegel, "Murder" also, so wie einst in Kubricks Film. Abra hat Furchtbares im Geiste mitansehen müssen. Eine Gruppe, die sich True Knot nennt, spürt Kinder auf, um sie zu töten und sich von ihrem Shining zu ernähren. Angeführt werden sie von Rose (Rebecca Ferguson), die wie die anderen Mitglieder ihrer Sekte nach der Unsterblichkeit trachtet. Zusammen mit Abra beschließt Dan, Rose und ihren Konsorten den Garaus zu machen.

Alles wird in Flammen stehen

Sein Film, hat Regisseur Mike Flanagan in mehreren Interviews erklärt, sei einerseits die Verfilmung von Stephen Kings 2013 veröffentlichtem Roman "Doctor Sleep", erzähle aber auch Kubricks Film weiter. Tatsächlich erweist die Fortsetzung dem Original immer wieder die Reverenz. Das beginnt beim Soundtrack und geht so weit, dass Flanagan einige Schlüsselszenen aus "Shining" gar neu gedreht hat – mit Schauspielern, die den Darstellern von einst ein bisschen ähneln. Da taucht dann auch die runzelige Lady aus dem berüchtigten Zimmer 237 wieder auf und darf der junge Danny im Dreirad durch die Gänge des Overlook rasen.

Das Ergebnis ist dann aber doch mehr King als Kubrick: grell statt subtil, Horror statt Psychodrama. Und bisweilen sogar etwas trashig. Immer wieder aber findet Regisseur Flanagan auch fantastische Bilder. Etwa, wenn True-Knot-Anführerin Rose wie ein Satellit die Erde umkreist, um die kleine Abra zu finden. Über weite Teile seiner zweieinhalb Stunden ist "Doctor Sleep" allerdings überraschend konventionelles (wenngleich durchaus effektvolles) Gruselkino. Wer das Original nicht kennt, dürfte daran seine Freude haben.

In den USA ist "Doctor Sleep" an den Kinokassen gefloppt. Was daran liegen könnte, dass "Shining" nie ein Film war, der – wie etwa "Star Wars" – jede Generation aufs Neue begeistert hätte. Kubricks Film ist ein Meisterwerk, aber eines, das seit seiner Veröffentlichung vor fast 40 Jahren nicht ständig neu entdeckt wird. Und wer "Shining" nicht kennt, dürfte immer wieder etwas ratlos vor "Doctor Sleep" stehen. Was, andererseits, vielleicht gar nicht so schlecht ist. Denn der neue Film nimmt, indem er kaum mehr Fragen offenlässt, dem Original einen Teil seines Zaubers. Das Tolle an "Shining" war ja, dass Dannys Fähigkeiten so geheimnisvoll erschienen, ihm selbst und auch dem Publikum. Mit seiner Erklärwut lässt die Fortsetzung nun kaum mehr Raum für Fantasie, für ein Was-wäre-wenn. Außer dann, wenn man ihr nicht folgen kann, weil man schlichtweg nichts versteht. Absicht war das allerdings wohl kaum.

Ganz am Ende von "Doctor Sleep" steht alles in Flammen. "Das Buch ist heiß, der Film ist kalt", hatte Stephen King vor ein paar Jahren über Kubricks Adaption gesagt, einen Film, den er bekanntermaßen nie mochte. "Das Buch endet im Feuer, der Film im Eis." Zumindest er dürfte sich also erfreuen an den Zündeleien von "Doctor Sleep".


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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