"A-me-lie", gellt es durch die Schneelandschaft. Der Name ein Schrei, der Schrei ein Abgrund. Die Verzweiflung holt den Tod nicht ein. Amelie lebt nicht mehr. Liegt aufgebahrt am Rande eines zugefrorenen Sees. Frost senkt sich auf die Seelen. In der Taiga der ­Gefühle weint die Mutter (Anne Ratte-Polle) ganz allein. Der MDR-Tatort "Die Wahrheit stirbt zuerst" beginnt wie eine Erzählung von Puschkin. Das hat Klasse. Aber leider nicht lang. Amelies Vater (Pasquale Aleardi), der von der Mutter getrennt lebt, gibt sich auf melodramatische Weise die Schuld am Tod des Kindes. Und für den Stiefvater (Bernhard Schir) zählt ein bevorstehendes Auslandsgeschäft mehr als ­familiäre Bande.

Stoff genug, sollte man meinen, für einen feinen Krimi, für ein Drama um Schuld und Schicksal. Doch wie schon im vorigen Tatort - Todesschütze muss partout ein Geheimdienst mitmischen dürfen, womit der Fall zur Räuberpistole verkommt. Katja Riemann gibt die cool-arrogante Kompetenzlerin vom Bundeskriminalamt, die vor Jahren was mit Martin Wuttke hatte. In den diesbezüglichen Passagen agieren beide unter Niveau. Schwerer wiegt, dass Amelies Weg in den Tod letztlich konfus bleibt und dass, eine Unsitte mancher Krimis, der Mörder aus dem Hut gezaubert wird. Detlef Hartlap

Foto: MDR/Saxonia Media/Junghans