Als zwei Killer einen Studenten, der einen Putztrupp abholen soll, auf dem Parkdeck eines Einkaufszentrums erschießen, liegt Chefinspektor Moritz Eisner schweißgebadet grippekrank und griesgrämig zu Hause. So blafft er seine Tochter Claudia und seine neue Assistentin Bibi Fellner an: "Ich bin im Krankenstand. Ich brauche Ruhe und keine hysterischen Weiber um mein Bett." Doch der Mordfall und Bibis gespielte Gelassenheit: "Na ja, jetzt muss ich halt allein dahin", lassen ihn schlagartig gesunden ...

Ein Verbrechen ist, auch für den, der nur Zeuge oder Fernsehzuschauer der Gewalttat wird, eine Ungeheuerlichkeit. ­Gewalt wirft die Welt aus dem vertrauten Gleichgewicht; sie mit ansehen zu ­müssen, ist ein zutiefst erschütterndes, nachwirkendes Erlebnis. Daran wird man erinnert, wenn man nach gefühlten 1001 Tatorten mit wohltemperiertem Sonntagsabendblutvergießen auf die Folge "Kein Entkommen" aus Wien stößt. Plötzlich ist alles so echt, so unmittelbar: Der Mord an einem Studenten, die Jagd auf einen Familienvater, der unzureichende Schutz seiner Familie durch die Polizei, eine im Fegefeuer von Mord und Schändung verrohte serbische Kamarilla. Man reibt sich die Augen: Kann ein Tatort so spannend sein, so stimmig in seinem Geschehen und, ja, so abscheulich wie das Verbrechen selbst? Vom Tatort der Standardbaureihe Mattes-Folkerts-Furtwängler-Thomalla sind wir Hühnersuppe gewöhnt mit fader Leichen-Beilage und wie aus der Maggi-Flasche geträufeltem Beziehungskitsch. Hier bekommen wir es mit dem alten ­Jugoslawien zu tun, den "Sveti Tigar", versprengten Kämpfern aus einer unabgeschlossenen Zeit. Nordische ­Krimi­schreiber wie Leif Davidsen und Jo Nesbø haben diese letzte große europäische ­Katas­trophe des 20. Jahrhunderts früh aufgegriffen, nun auch der Österreicher ­Fabian Eder ("Tatort - Granit"). Wien als Spielwiese serbischer Desperados – Harald Krassnitzer und seine stets Alkohol gefährdete Assistentin Adele Neuhauser (beide große Klasse!) lernen, dass ab sofort mit harten Bandagen gekämpft wird.

Foto: RBB/ORF/Petro Domenigg