Ruth Westheimer in der Gedenkstätte Yad Vashem: Die Eltern der gebürtigen Deutschen wurden in Auschwitz ermordet.
Der Dokumentarfilm "Fragen Sie Dr. Ruth" zeigt, sie die Fränkin Ruth Westheimer zur bekanntesten Sexualtherapeutin der USA wurde.

Fragen Sie Dr. Ruth

KINOSTART: 27.08.2020 • Dokumentarfilm • USA (2019) • 100 MINUTEN
Lesermeinung
Originaltitel
Ask Dr. Ruth
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
USA
Laufzeit
100 Minuten
Regie

Filmkritik

Die amerikanische Dr. Sommer

Sie half, das prüde Amerika aufzuklären: "Fragen Sie Dr. Ruth" porträtiert Ruth Westheimer, die dem Land beibrachte, offen über Sex zu sprechen.

"Und dann lassen Sie ihn mit seinem Penis in die Vagina eindringen – von hinten": Vielleicht ist es ihr sympathischer deutscher Akzent, der es Ruth Westheimer erlaubte, im konservativen US-Fernsehen derart offen über Sexualität zu sprechen. Westheimer, 1928 in Unterfranken in eine jüdisch-orthodoxe Familie geboren, ist auch im hohen Alter die vielleicht bekannteste Sexualtherapeutin der USA.

Ihr Lebensweg ist so beeindruckend wie ihr Lebenswerk: Als junges Mädchen wurde sie nach der Machtergreifung der Nazis mit einem Kindertransport in die Schweiz geschickt; ihre Eltern aber wurden in Auschwitz ermordet. Nach dem Krieg ging Westheimer nach Palästina, sie war erst im Widerstand tätig, dann wurde sie Kindergärtnerin. Nach einem Studium an der Sorbonne wanderte sie in den 50er-Jahren schließlich in die USA aus, in jenes Land, in dem man sie heute vor allem als "Dr. Ruth" kennt.

Der Dokumentarfilm "Fragen Sie Dr. Ruth" von Ryan White blickt zurück auf dieses bewegte Leben, mit Archivmaterial und gezeichneten Sequenzen sowie langen Interviews mit Ruth Westheimer. In den 80er-Jahren wurde die resolute Frau so etwas wie die Chefaufklärerin der USA, eine Dr. Sommer der Amerikaner. Nur, dass sie sich nicht hinter einem Pseudonym versteckte, sondern ganz offensiv die Öffentlichkeit suchte. Erst mit einer Radioshow ("Sexually Speaking"), dann mit TV-Auftritten und Dutzenden Buchveröffentlichungen.

Immer wieder bezog die 145 Zentimeter kleine Frau Stellung, etwa, als die AIDS-Krise über die USA hereinbrach. Als Jüdin, erzählt sie im Film, habe sie mit Menschen mitfühlen können, "die als Untermenschen angesehen wurden". Nicht Diskriminierung von Homosexuellen, sondern Offenheit und Aufklärung, das war damals ihr Motto. Auch, wenn es um das Thema Abtreibung ging, äußerte sich Westheimer laut und deutlich: "Ich habe mich nie in die Politik eingemischt", sagt sie im Film. "Aber ich bin bei vielen Themen keine Kompromisse eingegangen, auch beim Thema Abtreibung." Die Selbstbestimmung des Menschen über seinen Körper und seine Sexualität, das ist Westheimers Lebensthema – auch heute noch, mit 92 Jahren.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

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