Sam (Andrew Garfield) hat den ganzen Tag nicht wirklich viel zu tun. Also genießt er den Blick aus dem Fenster zum Hof.
Macht nicht viel Sinn, ist aber ungemein unterhaltsam: die hypnotische Neo-Noir-Kuriosität "Under The Silver Lake".

Under the Silver Lake

KINOSTART: 06.12.2018 • Thriller • USA (2018) • 139 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Under the Silver Lake
Produktionsdatum
2018
Produktionsland
USA
Budget
8.500.000 USD
Einspielergebnis
2.053.469 USD
Laufzeit
139 Minuten

Filmkritik

Im Rausch durch die Schatten
Von Andreas Fischer

In seinem ziemlich wahnwitzigen Film noir "Under the Silver Lake" schickt "It Follows"-Regisseur David Robert Mitchell einen verkifften Slacker auf eine aberwitzige Irrfahrt durch Los Angeles und die Popkultur.

Zugegeben, der Sinn von "Under the Silver Lake" mag sich nicht unbedingt erschließen. Aber wer dem Kino leidenschaftlich gewogen ist, wer Hollywood liebt und seine abgründigen Traumwelten, oder traumhaften Abgründe, wer sich gerne berauscht an Bildern und Atmosphären, der wird die düstere Fantasterei von David Robert Mitchell lieben. Klar, der Geschichte eines Slackers (Andrew Garfield), der in einer aberwitzigen Irrfahrt durch die Schattenseiten von Los Angeles seine verschwundene Nachbarin sucht, fehlt mit nüchternem Auge betrachtet die Substanz. Dafür aber gibt es Hundemörder, Verschwörungstheorien, Drogentrips, Millionärspartys und alles, was Alfred Hitchcock, Roman PolanskiDavid Lynch und Film-noir-Klassiker sonst noch an Inspiration hergeben.

David Robert Mitchell, das merkt man in jeder einzelnen der 139 Filmminuten, liebt das Kino. "Under the Silver Lake" ist vor allem ein Sammelsurium an Querverweisen, Film- , Literatur- und Musikzitaten, popkulturellen Reflexionen. Der 44-jährige Regisseur aus Detroit lässt sich treiben durch eine Stadt, deren Licht immer schon mächtigere Schatten warf als anderswo. Sein Los Angeles ist ein mystisches Labyrinth, an dessen jeder Wegzweigung Versuchung lauert oder Verderben, dessen Wege niemals zum Ziel führen, sondern immer nur in die Irre, ein Labyrinth voller Geheimnisse und voller unerfüllter Versprechen.

Trotzdem wirkt alles irgendwie vertraut, weil man als Kinogänger die Stadt der Engel natürlich kennt. Zu kennen glaubt. Das alte Hollywood hat seine Spuren im Jetzt hinterlassen. Was Mitchell mit neugierigem Blick gelingt, ist ein Amalgam aus Alt und Neu, aus Fantasie und Wirklichkeit. Die Möglichkeiten, sich darin zu verlieren, sind unbegrenzt.

Der Regisseur lässt also Sam (Garfield) durch die Stadt stolpern. Die herausstechende Eigenschaft des jungen Mannen ist sein Phlegma. Außerdem hat er ein schickes, bald aber zerkratztes Auto, und ein Faible für seine schöne Nachbarin Sarah (Riley Keough), die er durch sein Fenster zum Hof beobachtet und die eines Tages – nach einer gemeinsamen Nacht im THC-Rausch – einfach verschwunden ist.

Auf seiner Suche taumelt der Mann durch Subkulturen und Millionärsvillen, findet Hinweise auf der vergilbten Schatzkarte einer alten Cornflakes-Packung und in den geheimnisvollen Codes Obdachloser. Unterwegs trifft er in alten Gruften, auf bizarren High-Society-Partys oder selbstverliebten Kunsthappenings auf schöne Frauen, Jesus-Freaks, Retortenbands und Mogule jeglicher Couleur.

Dass Sam der Erfüllung seiner selbstauferlegten Mission dabei kaum näher kommt, liegt in der Natur der Stadt. Und daran, dass Mitchell wenig Interesse daran hat, dem Licht die Schatten zu nehmen. Sein Film ist eine Parodie und eine Liebeserklärung, mal smart und einfallsreich, mal überkandidelt und selbstverliebt.

Natürlich könnte man sagen, dass sich David Robert Mitchell, der mit dem übersinnlichen Thriller "It Follows" 2014 das Horrorgenre genüsslich umkrempelte, ziemlich an sich selbst berauscht. Na und? Wenn dabei ein derart faszinierender Film herauskommt, wie die hypnotische Neo-Noir-Kuriosität "Under the Silver Lake" ...


Quelle: teleschau – der Mediendienst

Darsteller
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Andrew Garfield
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