Victoria (Judi Dench) ist vom Hofleben schrecklich gelangweilt. Nur die Festessen machen ihr noch Freude.
"Victoria & Abdul" ist die Quasi-Fortsetzung von "Ihre Majestät Mrs. Brown" und feierte kürzlich in Venedig Premiere.

Victoria & Abdul

KINOSTART: 28.09.2017 • Drama • GB / USA (2017) • 112 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Victoria & Abdul
Produktionsdatum
2017
Produktionsland
GB / USA
Filmstudio
Working Title Films, BBC Film, Perfect World Pictures, Cross Street Films, Focus Features, India Take One
Budget
22.000.000 USD
Einspielergebnis
63.570.657 USD
Laufzeit
112 Minuten
Music
Thomas Newman
Kamera
Danny Cohen, Peter Mountain

Filmkritik

Majestät wünscht eine Mango
von Annekatrin Liebisch

116 Jahre sind seit ihrem Tod nun schon vergangen. 116 Jahre, in denen viel über sie geforscht, geschrieben und schließlich auch gedreht wurde – vom 60 Jahre umspannenden Historienepos "Königin Viktoria" (1937) bis zur Miniserie "Victoria" (2016) über die frühen Jahre der britischen Monarchin. Und doch fanden Regisseur Stephen Frears und Drehbuchautor Lee Hall erstaunlicherweise eine Episode aus dem langen Leben von Queen Victoria, die noch nicht auf der Leinwand erzählt wurde: die über ihre ungewöhnliche Freundschaft mit einem indischen Diener. Vorhang auf für "Victoria & Abdul".

Direkt nach der Ankündigung, dass der Film zumeist auf wahren Begebenheiten beruht, heftet sich Stephen Frears buchstäblich an die Fersen von Abdul (Ali Fazal). Schnellen Schrittes bahnt sich der Gefängnisschreiber 1887 seinen Weg durch das hektische Agra, um dann, angekommen an seiner Arbeitsstelle, darüber informiert zu werden, dass ihm eine große Ehre zuteil wird: Er darf Queen Victoria in London eine besondere Münze überreichen. Keine zwei Minuten Film sind vergangen, schon sitzt der junge Mann mit einem übellaunigen Begleiter (Adeel Akhtar) an Bord eines Schiffes – und ist davon augenscheinlich nicht halb so überrumpelt wie der Kinozuschauer.

Der hübsche Inder als willkommene Abwechslung

Besser nachfühlen lässt sich da die mangelnde Lebensfreude der 68-jährigen Victoria (Judi Dench): Jene Münzübergabe, für die zwei indische Arbeiter wochenlang um die halbe Welt segelten, ist nur ein kleiner Punkt auf der sehr, sehr langen Liste von Tagesordnungspunkten, die der Königin beim Ankleiden von ihrem Privatsekretär vorgebetet wird. Der streng durchgetaktete Alltag, die Verantwortung für dieses riesige Reich, das Hofzeremoniell, das Frears in all seiner Absurdität zeigt – Victoria ist all dessen furchtbar müde. Da stellt der hübsche Inder am Hof doch eine willkommene Abwechslung dar. Schon bald darf der exotische Untertan seiner Herrscherin von dem Land vorschwärmen, dessen Kaiserin sie immerhin ist, von Mangos, dem Pfauenthron und dem Koran. An Victorias Hof jedoch stößt diese besondere Freundschaft nicht auf Gegenliebe ...

Dabei sollte Victorias Umfeld mit deren Gewohnheit, unstandesgemäße Freundschaften zu schließen, doch mittlerweile umgehen können: Wenige Jahre, bevor Abdul Karim das Hofleben durcheinander brachte, amüsierte man sich noch über das Vertrauensverhältnis, das die mächtigste Frau der Welt mit ihrem kilttragenden, schottischen Diener John Brown verband. "Ihre Majestät Mrs. Brown", nannten Kritiker die Königin gar, ein Spott-Titel, den Regisseur John Madden übernahm, als er die Geschichte 1997 im Kino erzählte. Auch damals spielte die wunderbare Judi Dench Victoria mit einer feinen Mischung aus Strenge und Naivität, Verletzlichkeit und Stärke und erhielt dafür ihre allererste Oscarnominierung.

Doch während Billy Connollys geradliniger John Brown vor 20 Jahren durchaus seinen Mann neben der Königin stand, erhält Ali Fazals Abdul Karim kaum Gelegenheit dazu. Obwohl ihm dem Titel nach zumindest die halbe Aufmerksamkeit des Drehbuchs gebühren sollte, erfährt man überraschend wenig über den Mann, dessen Lebensgeschichte Historiker immerhin seit den 50er-Jahren interessiert. Selbst ihre dichterische Freiheit nutzen Stephen Frears und Lee Hall vorrangig dazu, Victorias Gefühlswelt abzubilden, nicht aber die des indischen Neuankömmlings, der weitestgehend auf sich gestellt, fern der Heimat, in feindseliger Umgebung zufällig zum neuen Lieblingsspielzeug der Königin wird. Er lächelt nur und vergöttert den Boden, auf dem die Alte wandelt.

Ein bisschen mehr Abdul, ein bisschen weniger Victoria

Eine Darstellung, die vor allem Briten mit Wurzeln in ehemaligen Kolonien sauer aufstößt: Ein "gefährliches Beispiel dafür, wie weiße britische Filmemacher den Kolonialismus verklären", nannte etwa der irakischstämmige Kritiker Amrou Al-Kadhi die auf leichte Unterhaltung bedachte Kostümdramödie. So weit wird man hierzulande sicher nicht gehen. Festhalten lässt sich jedoch, dass ein bisschen mehr Abdul und ein bisschen weniger Victoria "Victoria & Abdul" gutgetan hätte. Denn das Judi Dench eine hervorragende Königin abgibt, weiß man schon seit 20 Jahren.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

Darsteller

Eddie Izzard
Vielfach ausgezeichnete Charakterdarstellerin: Judi Dench.
Judi Dench
Mimte unter anderem den "Dumbledore": Michael Gambon.
Michael Gambon
Wurde mit "The Sixth Sense" einem breiten Publikum bekannt: Olivia Williams.
Olivia Williams
Weitere Darsteller
Ali Fazal Tim Pigott-Smith Adeel Akhtar Paul Higgins Fenella Woolgar Julian Wadham Jonathan Harden Robin Soans Ruth McCabe Simon Callow Benjamin Haigh Will Christopherson Martyn Mayger Deano Bugatti Penny Ryder Christopher McMullen Rita McDonald Damper Sukh Ojla Grant Crookes Shaun Newnham Nigel Black Sophie Trott Andrei Csolsim Glyn Angell Lois Temel Marek Hollands Nicolas Savidis-Macris Simon Craddock Tim Bristow Cliff Dutton Martin McGilligan Benjamin Murrell Daniel Trevenna Stuart Whelan Sam Kenyon

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