Das Känguru studiert die zu einem Kommunisten passende Lektüre.
Das Känguru wurde in den Büchern zur Kultfigur. Im Kinofilm versucht es gemeinsam mit seinem besten Freund, dem trägen Kleinkünstler Marc Uwe, einen skrupellosen Immobilienhai aufzuhalten.

Die Känguru-Chroniken

KINOSTART: 05.03.2020 • Komödie • D (2019) • 92 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
D
Laufzeit
92 Minuten
Regie

Filmkritik

Känguru vs. Kapital
von Christopher Schmitt

Nach der Vorlage der gefeierten Kurzgeschichten von Marc-Uwe Kling kommt das kommunistische Känguru ins Kino und sagt einem Immobilien-Hai den Kampf an.

Alles beginnt mit einer Reizüberflutung – schnelle Schnitte und Stimmengewirr. Der Schöpfer der "Känguru-Chroniken" und Drehbuchautor des Films, Marc-Uwe Kling, diskutiert mit dem Känguru, das er zudem auch spricht, über den passenden Einstieg in den Film. Die den Fans der Hörbücher wohlbekannten Stimmen fallen sich bei der Diskussion, um wessen Film es sich hier überhaupt handelt, gegenseitig ins Wort. Das Streitgespräch zwischen dem Autor und seinem Beuteltier läuft rein verbal ab, während Satellitenbilder von Berlin und Illustrationen des Urknalls über die Leinwand flimmern. Ein kreativer, aber anstrengender Beginn.

Trotz dieser Sinnesüberforderung enthalten die Anfangsminuten etwas, was dem Großteil des Films von Regisseur Dani Levy ("Alles auf Zucker") komplett abgeht: das anarchische Element, das die Känguru-Geschichten auszeichnet und insbesondere die Hörbücher vom Geheimtipp zum Mainstream-Phänomen werden ließ, ohne an Charme und Biss zu verlieren. Die ursprünglich für das Radio geschriebenen Kurzgeschichten über ein kommunistisches Känguru, das bei Marc-Uwe Kling einzieht und dessen Leben komplett auf den Kopf stellt, wurden seit 2009 in vier Büchern und den ebenso kultisch verehrten Hörbüchern zum großen Erfolg bei Fans und Kritikern.

Die gewachsene Fanbasis soll nun in Form eines Kinofilms das (computeranimierte) Känguru erstmals zu sehen bekommen – vom liebgewordenen Kopfkino in den Ist-Zustand. Zugegebenermaßen ist es nicht ganz fair, einen Kinofilm mit Büchern und Hörbüchern zu vergleichen. Anhänger der Reihe müssen aber dennoch feststellen, dass es leider keine gute Idee war, den Stoff auf die Kinoleinwand zu übertragen.

Die Vorlagen ziehen ihren Witz größtenteils aus den Frotzeleien und Insiderwitzen zwischen dem "Chronisten" Marc-Uwe und dem Känguru. Allerdings vermasselt der Kinofilm oft das Timing dieser Gags. Zwar ist der gesamte Film gespickt mit wörtlichen Zitaten aus den Büchern, allerdings erreichen die Pointen selten ihr Ziel. Speziell für den Film geschriebene Witze driften oft in Klamauk ab.

Dabei entspricht die Handlung einem Mix aus den bisher erschienenen Känguru-Bänden, wobei die in den Vorlagen beschriebenen Szenen in eine neue, filmtragende Geschichte eingewoben werden: Unfreiwillig gründet der unterambitionierte Kleinkünstler Marc-Uwe, im Film gespielt von Theaterschauspieler Dimitrij Schaad in seiner ersten großen Kinorolle, eine WG mit einem kommunistischen Känguru, das von jetzt auf gleich beschließt, bei ihm einzuziehen. Jahre später, nachdem die beiden längst Freunde geworden sind, gerät ihre Wohngemeinschaft in Gefahr. Die Kreuzberger Kiez-Idylle wird durch den rechtspopulistischen Immobilienhai Jörg Dwigs (Henry Hübchen) und dessen gigantisches Bauprojekt bedroht – Gentrifizierung der schlimmsten Sorte. Dies kann das Beuteltier nicht auf sich sitzen lassen und plant Gegenmaßnahmen, bis hin zum großen Anti-Terror-Anschlag.

Sowohl der kapitalismuskritische Ansatz als auch die Überzeichnung der Charaktere waren immer zentrale Elemente in den Kurzgeschichten von Marc-Uwe Kling. In den verfilmten "Känguru Chroniken" wirkt die Umsetzung dieser Motive etwas über das Ziel hinausgeschossen, vermutlich allerdings komplett beabsichtigt. So sehen die Nazis noch dümmer aus, als sie sprechen, und Jörg Dwigs ist nicht nur rücksichtsloser Kapitalist, sondern auch ausgewiesener Sadist. Dabei verkörpert Hauptdarsteller Dimitrij Schaad Marc-Uwes träge Ambitionslosigkeit hervorragend, kann aber nicht über die Schwächen im Drehbuch hinwegtäuschen. Zudem werden zwar viele liebgewonnene Nebenfiguren der Buchvorlage eingebaut; doch obwohl beispielsweise Kneipenwirtin Herta (Carmen-Maja Antoni) oder die Brüder Otto-Von (Tim Seyfi) und Friedrich-Wilhelm (Adnan Maral) toll gespielt werden, haben sie im Film nur wenig zu tun.

Der enormen Fallhöhe durch die Qualität der Vorlage steht eine durch den Hype entstandene Neugier gegenüber, weshalb wohl auch Neulinge im Känguru-Universum den Kinosaal ernüchtert verlassen werden. Neueinsteigern seien weiterhin die Buchvorlage und noch mehr die Hörbücher empfohlen. Den Kult um das Känguru werden sie anhand dieses Films wahrscheinlich nicht nachvollziehen können.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH

Darsteller

Mehrfach preisgekrönt: Rosalie Thomass, hier in dem ZDF-Krimi "Tod einer Polizistin".
Rosalie Thomass

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