Die rote Schildkröte

KINOSTART: 16.03.2017 • Animation • Frankreich, Belgien, Japan (2016) • 80 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
La tortue rouge
Produktionsdatum
2016
Produktionsland
Frankreich, Belgien, Japan
Einspielergebnis
3.700.000 USD
Laufzeit
80 Minuten
Von Florian Blaschke

Es ist wie ein Wunder: In den meterhohen Wellen des Ozeans treibt ein Mann, dem Ertrinken nah, immer wieder kann er sich an Treibgut klammern, immer wieder aber verschluckt ihn auch das Meer. Doch dann, nach endlos scheinendem Auf und Ab, spucken ihn die Fluten wieder aus und an Land. Er strandet auf einer einsamen Insel. Doch damit beginnt das eigentliche Abenteuer erst.

Denn dieser Mann versucht immer wieder, mit einem selbstgebauten Floß von der Insel zu verschwinden. Und bei jedem neuen Anlauf wird er aufgehalten, von einer großen, roten Meeresschildkröte, die sein Gefährt zerstört und ihn zur Rückkehr zwingt. Als die Schildkröte eines Tages an Land kommt, attackiert der Mann sie voller Wut und Verzweiflung und tötet das Tier. Womit aus dem Abenteuer ein Märchen wird, denn aus dem Panzer der toten Schildkröte entsteigt, kurze Zeit später, eine wunderschöne, rothaarige Frau.

Ein Film, der ohne Worte auskommt

Beinahe ein Jahrzehnt hat Animator Michael Dudok de Wit für seine Fabel "Die rote Schildkröte" gebraucht, die er unter anderem mit dem legendären Trickfilmstudio "Studio Ghibli" produziert hat, das schon für so beeindruckende Streifen wie "Mein Nachbar Totoro", "Prinzessin Mononoke" oder "Chihiros Reise ins Zauberland" verantwortlich war. Entstanden ist ein Animationsfilm, der inhaltlich zwischen "Robinson Crusoe", "Verschollen" und "Die blaue Lagune" angesiedelt ist, aber durch etliche Fein- und Besonderheiten seinen ganz eigenen Charme entwickelt.

Da wäre zunächst das, was wir bei einem Spielfilm Kameraarbeit nennen, bei einem Animationsfilm wohl aber am treffendsten mit Perspektive umschreiben würde. Nicht nur hier reduziert Dudok de Wit drastisch, er leistet sich nur wenige Schwenks und arbeitet, gerade zu Beginn des Films, mit harten Schnitten. Das erinnert an die Computerspielästhetik der 80er- und frühen 90er-Jahre, an Jump'n'-Run-Spiele wie "Prince of Persia" oder "Alone in the Dark". Und Dudok de Wit hat einen Film geschaffen, der ohne Worte auskommt, weil er sich einer universellen Sprache bedient: Bildern, in die Stimmungen, Emotionen, Gedanken und Wünsche eingeschrieben sind, so raffiniert, so feinfühlig, wie es wohl nur der Animationsfilm kann.

Regelmäßig etwa träumt der Protagonist, von einer Holzbrücke ans Festland etwa oder von einem Streichquartett am Strand. Von absonderlichen und zutiefst schönen Momenten, die seine Sehnsüchte, aber auch seine Ängste lebendig werden lassen. Und der Zuschauer? Hat immer wieder Schwierigkeiten, zwischen Traum und Realität zu unterscheiden. Dazu gibt es immer wieder rührend komische Momente, von denen man nicht einen verpassen will. "Die rote Schildkröte" ist deshalb ein Film, bei dem man keine einzige Sekunde weggucken darf, ein Film voller kleiner Details, voller versteckter Mysterien. Grafisch ist das äußerst schlicht, fast schon minimalistisch und durchaus an die Animé-Ästhetik angelehnt, ohne sich ihr anzubiedern. Inhaltlich aber ist es bezaubernd und komplex.

Eine wunderschöne, zeitlose Geschichte

Vor allen Dingen aber gelingt Dudok de Wit und seinen Co-Animatoren eine fast schon malerische, athmosphärische Szenerie, der man die digitale Post-Produktion kaum noch anmerkt. Ihr Spiel mit dem Licht, mit der Landschaft und den Wellen ist atemberaubend in ihrer Wirkung, mal wirken die Szenen dabei wie mit Wasserfarben gemalt, mal wie hochkomplexe Computer-Animationen, immer aber wirken sie so einfach, wie es nur möglich ist.

Dazu kommt eine derart drastisch reduzierte musikalische Untermalung, dass die Kompositionen eine geradezu betörende Wirkung entfalten kann. Mal hemmungslos romantisch, mal spärlich knapp gibt Laurent Perez del Mar dem Film damit eine ganz entscheidende Richtung, die für manche Zuschauer des Guten etwas zu viel sein könnte, die aber durchaus zum märchenhaften Plot passt.

Der aber ist nicht nur märchenhaft, sondern in Zeiten überproduzierter, überladener Hollywood-Produktionen vor allem eins: wohltuend schlicht. Für den ein oder anderen mag diese Schlichtheit eine Enttäuschung sein, vor allem, weil sie eigentlich kaum Antworten bereit hält, weil sie nichts erklärt und für nichts steht außer für diese so wunderschöne und zeitlos wirkende Geschichte von einem Schiffbrüchigen und seinen Erlebnissen. Für andere aber wird sie gerade dadurch wertvoll, dass sie nichts tun will außer erzählen. Und das gelingt ihr auf beeindruckende Art und Weise.

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