Wenn David Lynch schon keine Filme mehr macht, dann müssen andere eben Filme über ihn machen.

David Lynch: The Art Life

KINOSTART: 31.08.2017 • Dokumentarfilm • USA / DE (2016) • 88 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
David Lynch: The Art Life
Produktionsdatum
2016
Produktionsland
USA / DE
Filmstudio
Kong Gulerod Film, Duck Diver Films, Hideout Films
Budget
179.554 USD
Einspielergebnis
311.470 USD
Laufzeit
88 Minuten
Regie
Jon Nguyen, Rick Barnes, Olivia Neergaard-Holm
Music
Jonatan Bengta
Kamera
Jason S.

Filmkritik

David Lynch und die Frau, die glaubte, sie wäre ein Huhn
von Sven Hauberg

Plötzlich stand da diese blutverschmierte Frau: Der Dokumentarfilm "David Lynch: The Art Life" erzählt, wie aus einem Kleinstadtkünstler einer der größten Regisseure der Gegenwart wurde.

Als der Regisseur und Künstler David Lynch ein kleiner Junge war, lebte er mit seiner Familie in einem Nest in Idaho. Seine Mutter oder sein Vater, genau erinnert er sich nicht mehr, grub damals ein Loch vor dem Haus und füllte es mit Wasser. Ein improvisiertes Planschbecken war das, in dem sich der junge David nach Herzenslust im Schlamm suhlen konnte. Lynch würde so eine nostalgische Geschichte wohl kaum erzählen, wenn sie nicht von Bedeutung wäre. Während er sich also an jene Kindheitstage erinnert, sieht man ihn, wie er mit Farbmatsch eine Leinwand bearbeitet. Lynchs Beuys-Moment, nur statt Fett und Filz eben Schlamm? Im Dokumentarfilm "David Lynch: The Art Life" gibt es viele dieser Momente, die Lynch-Exegeten in helle Freude versetzen dürften.

Etwa, als Lynch jene Geschichte von der blutverschmierten Frau teilt, die er – wir sind noch immer in Idaho – eines Tages vor dem elterlichen Haus erblickte. Das Grauen, das unvermittelt hereinbricht ins spießige Kleinstadtleben – "Blue Velvet", was sonst? Oder jener Satz, dass seine ganze Welt damals nur ein paar Blocks groß war – unweigerlich taucht da die klar umrissene Welt von "Twin Peaks" wieder auf. Natürlich ist das pure Kaffeesatzleserei, aber das Herumstochern im Nebel gehört eben zum Phänomen David Lynch. Und natürlich ist es müßig zu diskutieren, ob Lynch, der in diesem Film stets so aussieht, wie man sich Lynch eben vorstellt (wilde Haartolle, Kippe in der Hand, im kreativen Chaos sitzend), hier nun immer die Wahrheit erzählt oder doch nur zur eigenen Legendenbildung beiträgt. Überhaupt: Was macht das für einen Unterschied?

David Lynch, der Künstler

Entstanden ist der Film von Olivia Neergaard-Holm, Rick Barnes und Jon Nguyen mithilfe einer Kampagne beim Crowdfunding-Portal Kickstarter, finanziert von Fans. Und so ist die Dokumentation auch ein Film geworden, an dem vor allem Menschen eine Freude haben werden, die das Wort "lynchesk" zu ihrem Vokabular zählen. Denn im Mittelpunkt steht nicht David Lynch, der Macher von Erfolgsfilmen wie "Der Elefantenmensch" und "Mulholland Drive", sondern David Lynch, der Künstler. Sein letzter Spielfilm, "Inland Empire", entstand vor mehr als zehn Jahren; seitdem hat der 71-Jährige mehrere sehr seltsame Alben eingespielt und noch seltsamere Kunstwerke geschaffen. Für einen echten "Lynch" muss mittlerweile ein guter fünfstelliger Betrag hingeblättert werden. Dass schon vor Lynchs filmischen Schaffen die Malerei stand und wie sich beides beeinflusste, zeigt "The Art Life" eindrucksvoll.

In ausführlichen Interviews spricht David Lynch über seinen Werdegang, erzählt, wie ihm die Begegnung mit einem Maler bewusst machte, dass ein "art life", ein Leben als Künstler, möglich ist. Zum Studieren zog er schließlich nach Philadelphia. Eine furchtbare Stadt, erinnert er sich, voller Angst und Depression und Verrückten. Eine davon war eine Frau im Nachbarhaus, die auf allen Vieren durch den Garten kroch und gackerte und behauptete, sie wäre ein Huhn.

Und er erzählt von einem seiner Bilder, das er damals malte, und das sich vor seinen Augen zu bewegen begann. "A moving painting" nennt Lynch das. Wenig später dann ein Besuch im Leichenschauhaus, um Mitternacht, und Lynch erinnert sich, wie er sich damals fragte, was all jene Toten wohl für Geschichten zu erzählen hätten. Die bewegten Bilder beginnen zu sprechen. Und so wird die ganz persönliche Erweckungsgeschichte des David Lynch zu einer kleinen Geschichte des Films an sich.

Quelle: teleschau – der Mediendienst

Darsteller

Meister des makaberen Humors - David Lynch.
David Lynch
Weitere Darsteller
Lula Lynch Edwina Lynch Donald Lynch Peggy Reavey Jack Fisk Bushnell Keeler Jennifer Lynch

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