"Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?", fragt der Chef seine neue Aushilfskellnerin Patti Dombrowski. Die dicke, junge Frau, die sich selbst am liebsten Killa P. oder Patti Cake$ nennt, hängt kurz ihren "fetten" Tagträumen nach, in denen sie stets die "Queen of Rap" ist – und antwortet dann pflichtgemäß, sie hoffe, dass sie dann immer noch für ihn arbeite. Obwohl diese und auch viele andere Szenen des märchenhaft anmutenden Coming-of-Age-Dramas "Patti Cake$ – Queen of Rap" des Regie-Neulings Geremy Jasper wie aus einem Indiefilm-Kochbuch abgeschrieben wirken, ertappt man sich ständig dabei, wie man an den Lippen der unwiderstehlichen Hauptdarstellerin hängt.

Das liegt an der hinreißenden Performance der australischen Newcomerin Danielle Macdonald, die dem Drehbuch von Geremy Jasper und den Rap-Songs von Jason Binnick eine Seele einhaucht. Und an dem Rest des formidablen Frauengespanns, dem Patti angehört.

Die heimliche "Boss Bitch" Patti wohnt zusammen mit ihrer schwerkranken, kettenrauchenden Oma (Cathy Moriarty) und ihrer vom Leben enttäuschten, alkohol- und männersüchtigen Mutter Barb (atemberaubend: Bridget Everett) in einer heruntergekommenen Wohnung in New Jersey. Dass der Regisseur auch irgendwo in dieser Ecke aufwuchs, merkt man dem Film deutlich an. Das Geld ist knapp, die geliebte Oma braucht viel zu teure Medikamente, die Mutter, deren Traum von einer Karriere als Sängerin nicht in Erfüllung ging, ist psychisch labil und schmeißt gerne mit Gehässigkeiten um sich. Gedisst wird Patti auch auf der Straße, wenn männliche Angeberwürstchen sie als "Dumbo" beschimpfen.

Beinahe dokumentarfilmartige Ästhetik

Hoffnung und Kraft gibt der Rhyme-begabten Patti nur die Rap-Musik, sowie ihr indischer Kumpel und Mitmusiker Jheri (Siddharth Dhananjay), den man in einer der mitreißendsten Szenen des Films kennenlernt: Während Patti den langen, langen Gang auf den Verkaufstresen der Apotheke zuläuft, in der Jheri arbeitet, feiert er sie über das Ladenmikrofon hymnisch als "Queen of Rap" ab. Kameramann Frederico Cesca weiß auch diesen Moment authentisch einzufangen. Er gibt dem Film eine beinahe dokumentarfilmartige Ästhetik, die ihm gut zu Gesicht steht und allzu Klischeehaftes ein wenig abmildert.

Im Battle Rap mit Jungs auf der Straße beweist sich Patti als extrem tough. Doch wie soll das weiße Mädchen, dass so gar nicht den sexistischen Schönheitsidealen der Rapperszene entspricht, auch nur bloß einen Fuß in das von schwarzen Macho-Männern dominierte HipHop-Business bekommen? Der von Patti vergötterte, Kanye West karikaturhaft nachempfundene Rapper O-Z (Sahr Ngaujah), den sie später zufällig kennenlernen wird, denkt auf jeden Fall nicht im Traum daran, der White-Trash-Göre zu helfen. Wie gut, dass es Oma gibt – und den scheuen Musiker Basterd (Mamoudou Athie), der eine Art schwarzer Marilyn Manson ist und in seiner entlegen Hütte im dunklen Wald praktischerweise ein eigenes Tonstudio hat.

Diese Figur des unheimlichen Schwarzen mit dem goldenen Herzen und den weisen Sprüchen auf den Lippen wirkt derart lächerlich, dass sie trotz des himmlischen Frauen-Ensembles fast das ganze Drehbuchgerüst zum Einsturz bringt. Aber dann sind da wieder diese berührenden und energiegeladenen Szenen zwischen der an ihrem Traum festhaltenden Patti und ihrer frustriert-sarkastischen Mutter, die den Zuschauer in ihre Sitze zurückpressen. Oder Pattis hart erkämpfter Auftritt bei einem Rap-Kontest mit seiner großen, emotionalen Wucht. Ein neuer Stern ist über Hollywood aufgegangen.

Quelle: teleschau – der Mediendienst