Miles Morales ist ein ganz normaler Teenager - bis er von einer radioaktiven Spinne gebissen wird.
Der Spinnenmann kommt animiert daher: "Spider-Man: A New Universe" ist optisch ziemlich beeindruckend.

Spider-Man: A New Universe

KINOSTART: 13.12.2018 • Trickfilm • USA (2018) • 117 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Spider-Man: Into the Spider-Verse
Produktionsdatum
2018
Produktionsland
USA
Laufzeit
117 Minuten

Filmkritik

LSD-Trip mit Spinnen-Teenie
Von Christopher Diekhaus

Der animierte Superheldenfilm "Spider-Man: A New Universe" stellt den Schüler Miles Morales in den Mittelpunkt einer optisch beeindruckenden, allerdings arg hyperaktiven Geschichte.

Wirft man einen Blick auf die Besprechungen der US-Kritiker zu "Spider-Man: A New Universe", kann man schon ins Grübeln kommen. Fast durchweg begeistert zeigen sich die Rezensenten, was verständlich wäre, wenn es einzig und allein um die Bewertung der optischen Gestaltung ginge. Der auf neueren Marvel-Ausgaben basierende Animationsfilm ist, besonders für Comic-Freunde, ein echter Augenschmaus, trägt seine Handlung allerdings mit einer derart hyperaktiven Energie vor, dass sich die Figuren nicht wirklich entfalten können. In Nordamerika scheint sich daran niemand groß zu stören. Die Wahrheit muss aber doch erlaubt sein: Vielschichtige Charakterzeichnung und raffiniertes Storytelling sehen bei Licht betrachtet etwas anders aus.

Die treibenden Kräfte hinter dem Superheldenabenteuer sind mit Phil Lord und Christopher Miller die Schöpfer des schwungvollen Bauklotz-Spektakels "The Lego Movie". Dieses Mal fungieren die beiden Filmemacher als Produzenten und Lord überdies als Mitautor des Drehbuchs, während die Regie in den Händen von Bob Persichetti, Peter Ramsey ("Die Hüter des Lichts") und Rodney Rothman lag.

Wer Spider-Man bislang nur mit dem Namen Peter Parker in Verbindung brachte, lernt hier mit Miles Morales (Originalstimme: Shameik Moore) eine andere Spinnenmann-Variante kennen. Das Leben des Teenagers verläuft zunächst in recht gewöhnlichen Bahnen, auch wenn ihm ein von den Eltern aufgedrückter Schulwechsel spürbar zusetzt. Als Miles eines Tages mit seinem unangepassten Onkel eine spaßige Graffiti-Session einlegt, wird er von einer radioaktiven Spinne gebissen und merkt nur wenig später, dass er plötzlich übermenschliche Fähigkeiten besitzt.

Zu seinem Erstaunen wird er durch Zufall auch noch Zeuge, wie der wahre Spider-Man im Kampf gegen die Handlanger des Gangsters Kingpin (Liev Schreiber) stirbt. Umso verwirrter ist Miles, als er kurz darauf einem gealterten Peter Parker (Jake Johnson) mit leichtem Bauchansatz gegenübersteht, der – so stellt sich heraus – aus einer anderen Dimension stammt. Gemeinsam mit weiteren Spinnenwesen, die ebenfalls aus alternativen Universen kommen, muss der Heranwachsende schließlich gegen die finsteren Pläne Kingpins ankämpfen.

Anfangs vermittelt die Sony-Produktion den Eindruck, als wolle sie – ähnlich wie der Realfilm "Spider-Man: Homecoming" – vor allem von den Tücken und Fallstricken des Teenager-Alltags erzählen. Nach dem Spinnenbiss legt das Regietrio aber schnell den höchstmöglichen Gang ein und schenkt der Geschichte nur noch selten größere Aufmerksamkeit. Sicher ist es löblich, dass ein Junge mit afroamerikanischem und hispanischem Hintergrund im Zentrum des Geschehens steht. Und dass auf den Zuschauer am Ende eine höchst sympathische Botschaft ("Jeder kann ein Held sein!") wartet.

Spannende Ansätze und Figureneigenschaften kommen allerdings nur sporadisch zur Geltung, da der Plot bevorzugt von einer knalligen, fraglos atemberaubenden, bisweilen aber ungemein hektischen Actionsequenz zur nächsten eilt. Und die Entwicklung des Protagonisten wird in letzter Konsequenz bloß mit Drehbuch-Standardformeln ("Glaub' fest an dich!") vorangetrieben. Den inhaltlich nicht sonderlich originellen Ansatz verkörpert auch der eindimensionale Bösewicht, dessen Erscheinungsbild bereits übertrieben grobschlächtig ausfällt.

Umwerfend und wunderbar ideenreich ist im Vergleich dazu die visuelle Aufmachung. "Spider-Man: A New Universe" führt seine Charaktere im wahrsten Sinne des Wortes zu ihren Wurzeln zurück und vermittelt dem Publikum das Gefühl, durch einen Comicstrip zu laufen. Farbexplosionen verwandeln die Leinwand in ein mitunter psychedelisches Wunderland. Wie in den Vorlagen tauchen Gedanken in kleinen Kästchen auf. Und immer wieder sind Geräuschworte im Bild zu sehen. Das Ganze gleicht einem zum Leben erweckten Comicheft und hebt sich auf diese Weise erfrischend von der Ästhetik ab, die dank der fortlaufenden Marvel-Reihe im Superhelden-Kino dominiert. Wäre das Ganze nicht in einem Zustand der Dauererregung inszeniert, könnte man die vielen optischen Kabinettstückchen und die zahlreichen selbstironischen Kommentare sicherlich noch mehr genießen.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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