Catherine Deneuve und Juliette Binoche wetzen in "La Vérité – Leben und lügen lassen" die Wortmesser und verhandeln in einem betörenden Mutter-Tochter-Duell die Familiengeschichte einer Diva neu.

"Ich bin Schauspielerin, die Wahrheit interessiert mich nicht", verkündet Fabienne flapsig. Die alternde Filmdiva hat gerade ihre Memoiren geschrieben, ein Probeexemplar bekam ihre Tochter Lumir in die Hände, und nun schäumt sie vor Wut: Alles im Buch ihrer Mutter ist erstunken und erlogen, übertrieben und verfälscht. Oder etwa nicht? Darüber verhandeln Catherine Deneuve und Juliette Binoche in "La Verité – Leben und lügen lassen" von Hirokazu Kore-eda und müssen in einem Duell um die Wahrheit herausfinden, wem sie gehört, ob sie absolut ist, oder ob sie sich nicht doch den eigenen Bedürfnissen anpassen lässt.

Wahr ist, was dem Publikum gefällt, so ungefähr lässt sich zusammenfassen, wie Fabienne (Deneuve) mit der Wahrheit umgeht. Als gefeierter Kinostar inszeniert, begreift sie auch ihr Privatleben als Inszenierung, in der sie ihre eigene Hauptrolle als zickiges Luder interpretiert. Sie lässt Journalisten auflaufen und sich vom Privatsekretär den Rücken freihalten. Ihr Ex-Mann fristet als Schildkröte im Garten sein Restdasein, der aktuelle Liebhaber verbringt seine Tage in der Küche, während Fabienne mit Zigarette und Drink durch die Wohnung streift.

Wahr sind nur Fakten, sagt Lumir (Binoche). Sie lebt mittlerweile in New York und wollte eigentlich zum Gratulieren nach Paris kommen. Was in den Memoiren ihrer Mutter steht, treibt sie jedoch zur Weißglut, vor allem die Passagen über das Familienleben, die Stellen, in denen sich Fabienne erinnert, eine umsorgende Mutter gewesen zu sein. Die beiden Frauen haben eine Menge zu klären und verschwenden damit keine Zeit. Von der ersten Sekunde ihre Aufeinandertreffens an konfrontieren sie sich mit bitteren Erinnerungen und zynischen Vorwürfen. Da klingeln nicht nur Lumirs Ehemann (Ethan Hawke), einem zweitklassigen Schauspieler und trockenen Alkoholiker, die Ohren.

Hirokazu Kore-eda, der dem Kino unter anderem "Shoplifters" und "Nobody Knows" schenkte, ist ein Filmemacher, der immer schon große Geschichten im Kleinen findet, der visuell erzählt und sehr menschlich. Dass "La Verité – Leben und lügen lassen" der erste Film ist, den der Regisseur nicht auf Japanisch gedreht hat, mag man kaum glauben. Leicht und locker, schlagfertig und wortgewaltig fliegen hier die doppelbödigen Dialogzeilen und pointierte Einzeiler durch die Luft, dass einem ganz schwindlig wird.

Kore-eda trifft den richtigen Tonfall – aber wahrscheinlich ist die Sprache des Kinos universell, solange französisch parliert wird. Passenderweise verlegt er die Auseinandersetzung um Fiktion und Wahrnehmung zum Teil an ein Filmset: Fabienne steht dort in einem Science-Fiction-Film als Tochter einer niemals älter werdenden Mutter vor der Kamera.

Solange sie die Schlacht auf der Leinwand gewinne, könne sie alles ertragen, sagt Fabienne einmal, und man weiß nicht so recht, ob das nicht doch Catherine Deneuve war. So richtig trennen lässt sich das nicht in dem Film, der auch eine betörende Hommage an die Deneuve ist und von ihr geschickt genutzt wird, um mit ihrem Image zu spielen. Was wahr ist und was Fiktion in ihrer umwerfenden Selbstinkarnation, das wird immer ein Geheimnis bleiben. Die Wahrheit nämlich, das müssen nicht nur Fabienne und ihre Tochter, sondern auch die Zuschauer einsehen, kann eine ziemlich private Angelegenheit sein.


Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH