Streiten und reiten - das reimt sich: Charlie (Joaquin Phoenix, links) und Eli Sisters (John C. Reilly) sind sich des Öfteren uneins.
In Italien preisgekürt, in den USA ein Flop: Jetzt startet "The Sisters Brothers", eine Western-Roman-Verfilmung von Jacques Audiard, in Deutschland im Kino.

The Sisters Brothers

KINOSTART: 07.03.2019 • Western • USA, FR (2018) • 122 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
The Sisters Brothers
Produktionsdatum
2018
Produktionsland
USA, FR
Budget
38.000.000 USD
Einspielergebnis
13.143.056 USD
Laufzeit
122 Minuten

Filmkritik

Mit Freud im Sattel
Von Jens Szameit

Von Mord und Marmelade: Der Franzose Jacques Audiard verfilmte einen tollen Western-Roman mit großem Faible für Psychoanalyse – ohne jedoch das Genre der Lächerlichkeit preiszugeben.

Nicht dass besonders viel darauf hindeuten würde. Aber eigentlich wäre es an der Zeit, dass der Western wieder verstärkt den Ton angibt im Kino. Jetzt, da die Errungenschaften der Zivilisation bröckeln wie Putz von einer schimmelnden Hauswand, wirken die USA bisweilen archaisch und erbarmungslos wie in ihren Gründerjahren. Eine aus heutiger Sicht erschreckend zeitgemäße Geschichte über Gier, Gewalt und Gesetzlosigkeit erzählte 2011 der Kanadier Patrick DeWitt in dem viel gelobten Roman "The Sisters Brothers". Jedes Kapitel dieser lakonischen Mörderparabel schreit förmlich nach einer Verfilmung. Ausgerechnet ein Franzose hat die Rufe erhört und an Schauplätzen in Rumänien und Spanien einen Western gedreht, der in Italien (Silberner Löwe 2018 in Venedig) preisgekürt wurde – und in den Vereinigten Staaten leider floppte.

Immerhin ist "The Sisters Brothers" auch eine recht eigenwillige Art von Western geworden. Jacques Audiard ("Dämonen und Wunder"), der auf Anregung seines Hauptdarstellers und Co-Produzenten John C. Reilly erstmals mit US-Stars drehte, spricht selbst von einem "dritten Weg", das Genre zu gestalten – nicht emphatisch wie die Klassiker, nicht gebrochen-cool wie bei Tarantino, nein, ein "leiser Western" sei ihm da gelungen. Nun – dafür kracht es in dieser weitgehend werkgetreuen Adaption dann doch beträchtlich.

Schließlich geht es um zwei absolut tödliche Revolvermänner, die im Oregon der 1850er-Jahre für einen ominösen "Commodore" (Rutger Hauer in einem Cameo-Auftritt) Auftragsmorde erledigen. Charlie (Joaquin Phoenix) und Eli Sisters (Reilly) ziehen als ungleiche Brüder eine Blutspur durch den seinerzeit noch ziemlich wilden Westen.

Der jüngere, Charlie, ist ein hemmungsloser Quartalssäufer und Gewaltjunkie. Der ältere, Eli, ein grummelnder Bär, der bemüht ist, hinter dem unberechenbaren Charlie die Scherben aufzukehren. Wenn er nicht gerade beleidigt im Schlafsack schmollt oder sich mit den Errungenschaften der Zahnpflege beschäftigt. Ja: "The Sisters Brothers" ist beim ironisch invertierten Gendertitel angefangen auch ein komischer Western.

Wie so oft ist es auch in dieser Geschichte der erklärtermaßen letzte große Auftrag, der nach allen Regeln der dramatischen Kunst aus dem Ruder läuft. Für den Commodore, einen über Leichen gehenden Geschäftsmogul, sollen Charlie und Eli einen Chemiker mit dem tollen Namen Hermann Kermit Warm (Riz Ahmed) finden, foltern und töten. Warm hat, so heißt es, eine chemische Lösung entwickelt, die in den Schürfer-Gewässern nahe der Westküste die Goldanteile sichtbar macht, eine Formel für grenzenlosen Reichtum also.

Zuarbeiten soll den beiden Killern eigentlich ein Scout namens John Morris (Jake Gyllenhaal). Doch Warm ist ein sozialer Utopist mit Überzeugungskraft, und Morris ist ein belesener Dandy mit Skrupeln und Empathie. So machen der Chemiker und sein Verfolger bald gemeinsame Sache, sehr zum Ärger der ausgebooteten Brüder.

In ungezähmter Wildnis und in gesetzlosen Boomtowns geben Eli und Charlie manche Kostprobe ihrer tödlichen Kunst. Doch weit mehr als Kugelhagel prasselt auf den Zuschauer das Gequassel der beiden Outlaws ein. "The Sisters Brothers" ist vor allem anderen ein Film von fantastischer sprachlicher Präzision. Der blutige Gründungsmythos der Vereinigten Staaten wird in sämtliche Richtungen (Idealismus, Kapitalismus, Anarchie) ausbuchstabiert als eine Frage von Diktion. Aufs Komischste kollidieren fantasievolle Formulierungen mit schlichter Haudraufrhetorik, die in einen Präsidententweet passen würde.

Das alles wird garniert mit Momenten der Selbsterkenntnis im Sattel, denen Freud gnädig applaudiert hätte. Die ironischen Lehren dieser Outlaw-Ballade: Selbst wer den gewalttätigen Vater tötet, hat dessen verderbliches Blut in den Adern. Und: Wonach sich sogar der übelste Revolverheld tief im Inneren sehnt, sind der warme Schoß der Mama und ein leckeres Marmeladenbrot. Nur gut, dass John Wayne das nicht mehr erfahren muss.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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