Brad Pitt (links) als Cliff Booth und Leonardo DiCaprio als Rick Dalton tragen Tarantinos "Once Upon a Time ... in Hollywood" fast im Alleingang.
Mit "Once Upon a Time ... in Hollywood" liefert Quentin Tarantino seinen neunten Film ab.

Once Upon a Time ... in Hollywood

KINOSTART: 15.08.2019 • Drama • USA (2019) • 161 MINUTEN
Lesermeinung
prisma-Redaktion
Originaltitel
Once Upon a Time ... in Hollywood
Produktionsdatum
2019
Produktionsland
USA
Budget
95.000.000 USD
Einspielergebnis
55.340.556 USD
Laufzeit
161 Minuten

Filmkritik

Als die Traumfabrik aufhörte zu träumen
Von Maximilian Haase

In seinem neunten Film zelebriert Starregisseur Quentin Tarantino seine größte Leidenschaft: "Once Upon a Time ... in Hollywood" ist eine Hommage an die Kraft des Kinos, an die Freiheit der 60er-Jahre – und an die beiden Hauptdarsteller Brad Pitt und Leonardo DiCaprio.

Nachdem man "Once Upon a Time ... in Hollywood" gesehen hat, drängt sich eine Frage unweigerlich auf: Warum zur Hölle standen Brad Pitt und Leonardo DiCaprio vorher nie gemeinsam für einen Kinofilm vor der Kamera? Die beiden Schauspieler, gleichermaßen Sexsymbole und Sehnsuchtsfiguren, harmonieren derart fantastisch miteinander, dass die Onlinepetitionen für eine dauerhafte Zusammenarbeit der beiden wohl nicht lange auf sich warten lassen dürften.

Wahrscheinlich brauchte es dafür in der Tat erst einen Quentin Tarantino, jenen zum "Kultregisseur" erklärten Meister des Erzählens und Inszenierens, jenen vor Referenzen sprudelnden Quell des Kinos, der sich nach imposanten Weltkriegs- und Westernausflügen nun seiner größten Leidenschaft widmet: Tarantinos neunter Film ist nicht weniger als eine Hommage an das Filmemachen selbst, ein wilder Ritt durch jene Zeit in der kalifornischen Traumfabrik, die Tarantino am meisten prägte.

Endlich habe er "wieder Rock'n'Roll einbauen" und "die Figuren Autoradio hören lassen" dürfen, rief der noch immer kindlich begeisterungsfähige Regisseur bei der Vorstellung seines Films in Berlin aus. Dass seine Liebe zum Kino echt und aufrichtig ist, nimmt man ihm in jeder Sekunde ab – nicht umsonst empfahl er den Zuschauern zur Vorbereitung, sich die Filme einer von ihm erstellten Liste voller 60er-Klassiker anzuschauen.

Und nicht von ungefähr kommt es, dass der Meister schon seit Jahren ankündigt, nach zehn Filmen aufzuhören. Nur noch ein Tarantino also, und dann ist Schluss? Es käme wohl einem Herzstillstand des welkenden Körpers Hollywoods gleich. Es ist doch so: Wo andere routinehaft Jahr für Jahr drehen und veröffentlichen, gleicht ein neuer Tarantino eher einem kreativen Vulkanausbruch, dessen Folgen unabsehbar sind.

Tarantino zeigt uns die von ihm verehrte Epoche aus der Sicht von Rick Dalton, einem langsam darnieder gehenden Stern am Schauspielhimmel, der einst als Westernheld große Erfolge feierte und nun nur noch Schurken spielen darf. Dem nach Ruhm gierenden Star verleiht Leonardo DiCaprio eine Aura irgendwo zwischen nachklingendem Stolz und purer Verzweiflung. Weil es in Hollywood nicht mehr klappt, schlägt ihm sein von Al Pacino verkörperter Produzent vor, er solle nun Spaghetti-Western in Italien drehen – wutschnaubend lehnt Dalton ab. Als treue Seele an seiner Seite sehen wir Brad Pitt als Cliff Booth, seines Zeichens Daltons Stuntdouble, Assistent, Fahrer und bester Freund.

Vor zehn Jahren revolutionierte Tarantino in seiner ersten Zusammenarbeit mit Brad Pitt in "Inglourious Basterds" das Weltkriegs-Genre, später gelang ihm selbiges im Westerngenre mit dem Sklavendrama "Django Unchained", für das er erstmals Leonardo DiCaprio gewinnen konnte. Jetzt gelingt es Tarantino mit "Once Upon a Time ... in Hollywood", wieder mit genau jenen beiden Darstellern zu überraschen. Denn anders als in den letzten Monaten angekündigt, dreht sich der Film keineswegs in erster Linie um die Morde der Manson-Family, die Kalifornien Ende der 60er-Jahre in Schrecken versetzten. Nein, Tarantino nutzt die Geschichte lediglich, um dem Hollywood jener Zeit ein Denkmal zu setzen – und dabei jenen Umbruchsmoment zu zeigen, in dem die Traumfabrik aufhörte, zu träumen. Diese Ehrerbietung, die zu jeder Sekunde auch selbstreferenzielle Nabelschau Tarantinos ist, erweist sich als absolut unaufgeregt – und ebenso humorvoll.

Dass "Once Upon a Time in ... Hollywood" als Hommage an die (fragwürdige) Freiheit der Woodstock-Jahre im Grunde keinerlei ausgeklügelte Handlung liefert – geschenkt. Zu grandios ist es, Pitt und DCaprio bei ihren lässigen Dialogen zuzuhören, zu genussvoll, sie bei zahlreichen Autofahrten durch ein beeindruckend detailliert inszeniertes Los Angeles der 60er- zu begleiten – unterlegt selbstverständlich von einem wie immer herausragenden Soundtrack. Wenn einerseits das friedvolle "Mrs. Robinson" erklingt und andererseits der männlichkeitsfixierte Dalton auf die "Scheiß-Hippies" schimpft, dann ist das nicht weniger als wirklich großes Kino.

Ein Feuerwerk der Hollywood-Referenzen

Apropos: Schon immer baute Tarantino in seinen Filmen Verweise auf die Filmgeschichte ein; sein aktuelles Werk aber gerät zum wahren Referenzfeuerwerk. Selbst wer die Dutzenden versteckten Anspielungen auf das Hollywood und die Filmbranche jener Tage nicht versteht, wird die Ironie dahinter bemerken, wenn Tarantino den gerade aufsteigenden "Rosemaries Baby"-Regisseur Roman Polanski (Rafal Zawierucha) und Schauspielerin Sharon Tate (Margot Robbie) in die Villa neben Dalton einziehen lässt. Jene Sharon Tate also, die 1969 hochschwanger von der Manson-Family ermordet wurde.

Währenddessen liefert sich Stuntman Cliff am Set einen fremdschamverdächtigen und überaus unterhaltsamen Kampf mit der jungen Kampffilm-Ikone Bruce Lee (Mike Moh), bevor er sich in einer Nebenhandlung mit den Hippie-Bewohnern eines alten Filmsets anlegt. Überhaupt sind es jene Nebenschauplätze und Gastauftritte, die dem irren Drama-Comedy-Thriller-Mix seinen Charme verleihen. Da sehen wir "Homeland"-Star Damian Lewis in der Rolle des jungen Steve McQueen – und Hollywood-Veteran Kurt Russell gibt nicht nur einen Stuntkoordinator namens Randy ("Death Proof" lässt grüßen), sondern in der englischen Version auch den Erzähler.

Tarantino, das merkt man "Once Upon a Time ... in Hollywood" in jeder Sekunde an, lebte sich in dieser Filmwelt im Film aus wie noch nie. Hoch anzurechnen ist ihm dabei, dass sich sein Neuling wohltuend von der in der US-Filmbranche grassierenden Selbstbeweihräucherung à la "La La Land" abhebt. Mit einem furiosen Ende, in dem die zum Nebenstrang degradierten Manson-Morde dann doch noch blutig in den Mittelpunkt rücken, liefert Tarantino gar den Gegenentwurf zum korrekten Wohlfühlkino.

Ursprünglich, so verriet Tarantino auf der Pressekonferenz in Berlin, hatte er gedacht, die Hollywood-Hommage würde sein letzter Film werden. Es hätte in Sachen Symbolik gepasst – wäre aber auch etwas zu durchsichtig gewesen. Gute Nachrichten könnte es derweil bald für Freunde der Pitt-DiCaprio-Connection geben: Gerüchten zufolge ist eine vierstündige Version von "Once Upon a Time ... in Hollywood" im Gespräch, die Netflix als Miniserie ausstrahlen soll. Ein Zuviel an Tarantino und seinen beiden Meisterdarstellern kann es – trotz gelegentlicher Längen im 160-Minuten-Epos – jedenfalls schwerlich geben.


Quelle: teleschau – der Mediendienst

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